Nach ihr war janz Berlin verrückt
Ein Porträtkopf der Claire Waldoff ziert den Eingang des Hauses Unionstraße 8

Claire Waldoff-Kopf über dem Eingang Unionstraße 8.
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Sie sang so schöne, rotzfreche Lieder, diese kesse Claire Waldoff, geboren als Clara Wortmann, die als Urberlinerin galt, aber gar keine war. Den Dialekt hatte sie sich in Kneipen der Arbeiterbezirke wie Moabit abgehört. Ihre Liedtexte handelten vom „Milljöh“. Der volkstümlichen Sängerin zu Ehren ist am 3. Oktober eine Porträtskulptur über dem Eingang des Hauses Unionstraße 8 eingeweiht worden.

Geschaffen hat sie die seit 1988 in Moabit lebende Künstlerin Bärbel Rothhaar. „Mich hat Claire Waldoffs Geschichte angesprochen“, sagt Rothhaar. Und sie habe sich vom Gesicht der Sängerin inspirieren lassen, diesem „wunderbaren, asymmetrischen Gesicht“. In ihm komme der Geist jener Zeit, der ganze Lebenshumor der Sängerin zum Ausdruck, meint Bärbel Rothhaar.

Dass der in Ton modellierte Kopf der Waldoff und die ersten zwei Zeilen ihres wohl berühmtesten Liedes „Wer schmeißt denn da mit Lehm“ das Giebelfeld über dem Hausportal schmücken, ist kein Zufall. Das Haus an der Unionstraße ist ein Haus der Mietergenossenschaft Unionplatz Tiergarten (MUT). Sie steht für Solidarität und Gemeinschaftssinn. Ihre Ziele sind nach eigenen Worten ökologisch nachhaltiges Wohnen zu günstigen Konditionen in der Berliner Innenstadt zu ermöglichen und der fortschreitenden Verdrängung der Unter- und Mittelschicht aus dem Stadtkern entgegenzuwirken. Die Skulptur wurde aus einem Fonds der Genossenschaft zur Unterstützung von Vorhaben wie dem von Bärbel Rothhaar mitfinanziert, erklärt MUT-Geschäftsführer Christian Palmer.

Das Haus, über dessen Eingang jetzt Claire Waldoff wacht, wurde 1910 errichtet. Es war die Zeit, in der die Berliner Karriere der Sängerin begann. Claire Waldoff habe nie in Moabit oder Tiergarten gewohnt, sie lebte in Schöneberg, erläutert der frühere Bürgermeister von Tiergarten, Jörn Jensen (Grüne), bei der Einweihung der Skulptur am Tag der Deutschen Einheit. Aber die Waldoff habe die kleinen Leute mit ihren kleinen Freuden und ihren großen Nöten und Sorgen besungen, so Jensen. „Diese kleinen Leute lebten auch in Moabit zuhauf, in den berüchtigten Mietskasernen. Hier war das echte Milieu.“ Hinsichtlich politischer Parteien sei die Sängerin unpolitisch gewesen. Sie habe sich jedoch gesellschaftspolitisch engagiert – insbesondere für die Arbeiterklasse.

Claire Waldoff kam 1906 nach Berlin. Heinrich Zille und der Dichter Ringelnatz zählten zu ihren engsten Freunden, Kurt Tucholsky schrieb Lieder für sie. Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte sie Mitte der 20er-Jahre. Sie trat in den beiden größten Varietétheatern der Stadt auf, in der Scala und im Wintergarten. Sie sang in Operetten und Ausstattungsrevuen. Mit ihrer Lebensgefährtin Olga Freiin von Roeder prägte sie das lesbische Berlin.

Nach 1933 hatte Claire Waldoff für einige Zeit Auftrittsverbot, weil sie noch kurz zuvor für die kommunistische Rote Hilfe im Sportpalast aufgetreten war. Nachdem die Sängerin Mitglied der nationalsozialistischen Reichskulturkammer geworden war, wurde das Verbot aufgehoben. Trotzdem bekam ihre Karriere ab 1936 einen Knick. In Berlin erhielt sie kaum noch Engagements. 1939 zog sie sich mit Olga von Roeder ins Berchtesgadener Land zurück. Sie sang für die Truppenbetreuung der Wehrmacht, etwa im Januar 1942 vor deutschen Soldaten im besetzten Paris.

Im Jahre 1950 besuchte Claire Waldoff noch einmal Berlin. Verarmt starb sie 72-jährig nach einem Schlaganfall am 22. Januar 1957 in Bad Reichenhall. Ihre Urne befindet sich zusammen mit der von Olga von Roeder auf dem Pragfriedhof in Stuttgart.

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