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Der Heimatpfleger: Christoph Böhm über seine Galerie "bauchhund" und den Kiez

Christoph Böhm ist im Kiez ein bekanntes Gesicht.
Christoph Böhm ist im Kiez ein bekanntes Gesicht. (Foto: Schilp)

Neukölln. „bauchhund“ steht in schwarzen, runden Buchstaben über dem Eingang des Salonlabors an der Schudomastraße 38. Ein seltsamer Name. Dahinter verbirgt sich eine bemerkenswerte Geschichte, die einiges über den Galeristen und Aktionskünstler Christoph Böhm erzählt.

Die Lettern stammen aus dem Schriftzug der „Bickhardt’schen Buchhandlung“, die 107 Jahre lang ihren Sitz an der Karl-Marx-Straße 168 hatte. Als die Besitzer die Miete nicht mehr zahlen konnten und im Jahr 1996 schlossen, wollte Böhm nicht zulassen, dass die gesamte Einrichtung auf dem Sperrmüll landet. Er kaufte etliche Möbelstücke und sorgte für deren Erhalt.

Die Außenwerbung im Bauhaus-Stil behielt er selbst. Nach langem Puzzeln mit den Buchstaben hatte er schließlich aus „buchhandlung“ das Wort „bauchhund“ destilliert. „Der Bauch ist im Asiatischen der Sitz der Seele, und Hund ist mein Horoskop im chinesischen Horoskop“, erklärt er.

Geboren und aufgewachsen im schwäbischen Dillingen an der Donau, lebt und arbeitet Böhm seit mehr als 30 Jahren in Neukölln. Sein Blickwinkel sei kulturanthropologisch, sagt er, er sehe den Menschen immer in seinem geschichtlichen Kontext. Sein Vater, Altphilologe und Heimatpfleger, habe ihm das in die Wiege gelegt.

„Heimatpflege“, das Wort beschreibe auch sein Anliegen gut. Das birgt viele Facetten. Er hat die Augen und Ohren stets offen, er kennt die kleinen und großen Dealer vor seiner Haustür, kümmert sich um die Pflege des Esperantoplatzes, der um die Ecke liegt, erklärt den zugezogenen Studenten, was es mit der „Berliner Mischung“ auf sich hat, wenn sie sich vom morgendlichen Bäckereibetrieb auf dem Hinterhof gestört fühlen.

Ein bemerkenswerter Coup ist ihm vor einigen Jahren gelungen. Damals hatte er die Idee für das Strohballenrollen „Popráci“ auf dem Richardplatz. Einerseits wollte er damit die Geschichte der böhmischen Einwanderer lebendig erhalten, andererseits ging es ihm darum, einen festlichen Höhepunkt für den Kiez zu schaffen. „Ein Spiel, bei dem alle mitmachen können und einfach Spaß haben“, sagt er.

Während der damalige Bürgermeister Heinz Buschkowsky verhalten auf den Vorschlag reagierte, sei der tschechische Kulturattaché gleich Feuer und Flamme gewesen. „Die Tschechen kennen diese fantasievolle Art, mit Geschichte umzugehen“, so Böhm. Er sei „gottfroh“, dass das Strohballenrollen vergangenes Jahr seinen zehnten Geburtstag feiern konnte. „Uns fehlt es in der Organisation aber an Nachwuchs.“

Was ihm noch größere Sorgen bereitet, ist das Sterben der Traditionsgeschäfte und -häuser. „Was kann getan werden, damit sie nicht auf den Turbokapitalmarkt landen? Oder ist das Kind längst in den Brunnen gefallen?“, fragt er. Beispielhaft nennt er das Musikhaus Bading, das in der Silvesternacht ausgebrannt ist. Das habe ihn betroffen gemacht, aber das Problem gehe tiefer.

Das Haus gehöre der Familie Bading, sei aber recht heruntergekommen. Seine Idee, mit der er schon lange die Lokalpolitiker nerve: Könnte nicht beispielsweise eine Musikstiftung gegründet werden, die zusammen mit einer Wohnungsgesellschaft das Haus übernimmt, die Erben auszahlt, Kredite aufnimmt und es auf Vordermann bringt? „Ich höre immer nur, dafür habe die öffentliche Hand kein Instrumentarium. Aber irgendwann muss doch damit angefangen werden, etwas zu tun.“

Die nächste Ausstellung im „bauchhund“ wird am Sonnabend, 3. Februar, um 19 Uhr eröffnet. Drei Wochen sind Skulpturen von Alex Oberhoff zu sehen, montags, dienstags und donnerstags von 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung unter 56 82 89 31.

Infos unter www.bauchhund.de.

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