Neukölln zum Lesen: "Ein permanenter Kriegszustand"
Felix Lobrecht hat über den Alltag von Jugendlichen in der Gropiusstadt geschrieben

Felix Lobrecht, in vierter Generation Neuköllner. Sein Vater kannte Christiane F., die mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" die Gropiusstadt deutschlandweit bekannt machte.
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  • Felix Lobrecht, in vierter Generation Neuköllner. Sein Vater kannte Christiane F., die mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" die Gropiusstadt deutschlandweit bekannt machte.
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Glücklich in diesen Zeiten ist, wer gerne liest. Literatur macht es möglich, auch in den eigenen vier Wänden andere Welten kennenzulernen. Und die müssen gar nicht weit entfernt liegen. In unseren kommenden Ausgaben stellen wir Bücher vor, die in Neukölln spielen. Den Auftakt macht Felix Lobrechts „Sonne und Beton“, erschienen 2017.

Die Gropiusstadt um das Jahr 2005. Ich-Erzähler Lukas, Julius und Gino, 15 Jahre alt, treiben sich zwischen Lipschitzallee und Wutzkyallee herum. Manchmal machen sie auch Abstecher ins Rudower Fließ, zur Köllnischen Heide oder an die Sonnenallee. Sie kiffen, saufen, langweilen sich. Ständig sind sie auf der Hut, um nicht mit arabischen oder türkischen Cliquen aneinanderzugeraten. Natürlich ohne Erfolg.

Die Lehrer der Gemeinschaftsschule stehen dem kompletten Desinteresse und der Disziplinlosigkeit der Jugendlichen hilflos gegenüber – gelinde gesagt. Auch die Eltern verstehen nichts vom harten Leben auf der Straße, selbst wenn sie selbst in der Gropiusstadt aufgewachsen sind. Als sich der coole „caribbean boy“ Sanchez zu den drei Jungs gesellt, überredet er sie zu einem Einbruch. Schließlich wollen auch sie sich mal neue Sneakers oder eine angesagte Jeans leisten können. Nun nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf …

Respekt für Respektlosigkeit

Für Menschen, die Wert auf political correctness legen, ist der Roman wahrscheinlich nichts. Er lebt von Dialogen im Jugendslang. „Ich schwöre, sei froh, dass ich nett bin heute. Normalerweise ich stech dich ab für so was, ja. Hurensöhne Geht ma jetz ja. Ihr Missgeburten!“, lässt Lobrecht etwa einen Dealer sagen. Auch Lukas und seine Kumpel fluchen, pöbeln, bauen Mist. Nur so besteht überhaupt der Hauch einer Chance, sich Respekt in der Siedlung zu verschaffen, und Respekt ist alles.

„Ich wünschte, ich hätte mir mehr ausdenken müssen“, diesen Satz stellt Felix Lobrecht seiner Geschichte voran. Er selbst, Jahrgang 1988, wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern und dem alleinerziehenden Vater in der Gropiusstadt auf. Als Jugendlicher sei Neukölln für ihn wie ein permanenter Kriegszustand gewesen, erzählt er in einem Gespräch, das er 2017 mit Bürgermeistern Franziska Giffey führte. „Du kannst auf der Straße auf keinen Fall zeigen, dass du nicht krass bist. Ich war klein und dünn und blond, also schon ein Opfer – wenn du dann noch durch die Gegend läufst, auf den Boden guckst und die Schultern hängen lässt wie so’n Mädchen, kriegst du sofort auf die Schnauze. Habe ich auch oft genug.“

Dass er das Buch schrieb, hat zwei Gründe. Erstens las er als Jugendlicher „Knallhart“ von Gregor Tessnow, das ebenfalls in Neukölln spielt. Er fand die Story spannend, aber unauthentisch. Aus jedem Wort las er heraus, dass der Autor viel älter als seine Hauptfiguren war. „Sowas wollte ich schreiben, aber in real“, sagt er. Dazu kam, dass er zum Studieren nach Marburg zog und dort dauernd Neukölln erklären musste.

Brutal, absurd und witzig

Also setzte er sich an die Tastatur. Entstanden ist ein Roman, den der Leser nicht wieder aus der Hand legen wird, sobald er sich einmal auf den Ton eingelassen hat. Eine Geschichte mit brutalen Momenten, aber auch voller Absurditäten – und Witz.

Ab und zu muss er sich den Vorwurf anhören, er bestätige nur Vorurteile, und sein Buch sei Wasser auf die Mühlen der Rassisten. Das sei Quatsch, sagt Lobrecht. Dass die meisten kriminellen Jungs türkisch oder arabisch seien, liege nicht an ihren kulturellen Wurzeln, sondern daran, dass sie oft unter schlechteren Bedingungen als deutsche Altersgenossen aufwüchsen. „Wenn das Buch in einer Plattenbausiedlung in Chemnitz spielen würde, hießen die Jungs, die Scheiße bauen, Rico und Danny.“

Felix Lobrecht arbeitet als Autor, Stand-up-Comedian und Slampoet. Eine Freude wäre es für ihn, wenn sein Buch zur Schullektüre würde, sowohl an sogenannten Brennpunkschulen als auch an süddeutschen Gymnasien.

Felix Lobrecht: Sonne und Beton, Ullstein-Verlag, 221 Seiten, 11 Euro, ISBN 978-3-548-29058-4

Felix Lobrecht, in vierter Generation Neuköllner. Sein Vater kannte Christiane F., die mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" die Gropiusstadt deutschlandweit bekannt machte.
Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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