Geschichte der Villa Weeren: Ein Zeitzeuge erinnert sich

Die Villa an der Glasower Straße 27 wurde 1905 nach Entwürfen von Franz Weeren gebaut. Gutsbesitzer nachahmend, wollten damals etliche Fabrikanten ihren Wohnort neben ihrem Betrieb haben.
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  • Die Villa an der Glasower Straße 27 wurde 1905 nach Entwürfen von Franz Weeren gebaut. Gutsbesitzer nachahmend, wollten damals etliche Fabrikanten ihren Wohnort neben ihrem Betrieb haben.
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Zwischen der Delbrück- und der Glasower Straße wird gebaut: Auf dem Gelände des ehemaligen Eisenwerks Franz Weeren entstehen Wohnungen. Mittendrin die alte Fabrikantenvilla aus dem Jahr 1905, in der das „Brauhaus Rixdorf“ seinen Sitz hat oder besser: hatte.

Denn der Betreiber hat vor kurzem aufgegeben, die Gaststätte samt Biergarten ist verwaist. Sehr zum Leidwesen von Paul Fröhlich. Den 80-jährigen Neuköllner verbindet eine ganz besondere Geschichte mit dem Gebäude. Er weiß auch, warum es im Eilverfahren unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Es war in der Nacht vom 16. auf den 17. April 1945. Eine Bombe zerstörte das Haus an der Ecke Mariendorfer Weg und Hermannstraße. Der kleine Paul, seine Mutter und seine zwei jüngeren Geschwister waren auf einen Schlag wohnungslos. Doch sie hatten Glück im Unglück. Fabrikantengattin Elisabeth Weeren war Kundin im elterlichen Lebensmittelgeschäft und bot der Familie an, sich im Obergeschoss der Villa einzuquartieren. „Es gab immerhin 15 bewohnbare Zimmer m Haus“, so Fröhlich. Nach und nach kam Verwandtschaft dazu: Die Tante samt Verlobten und die Großeltern, die aus Schlesien flüchten mussten, der Vater kehrte aus dem Krieg zurück, die Tante bekam ein Kind – die Fröhlichs waren bald zu zehnt. Bis 1956 lebte Paul mit Eltern, Bruder und Schwester hier.

Der Kontakt zur Unternehmerfamilie, die im Erdgeschoss lebte, war gut, und Paul Fröhlich weiß manche Geschichte zu erzählen. Dass hin und wieder vornehm auf Französisch parliert, aber jahrelang darauf verzichtet wurde, ein ordentliches Bad zu nehmen. „Die Wanne war bei uns oben, aber es gab kein Wasser, daran wurde nichts geändert. Die Weerens dachten wohl: Wenn die nicht baden, müssen wir das auch nicht.“

Der damalige Firmenchef Fritz Weeren, der Sohn von Franz, sei vielseitig gewesen, berichtet Fröhlich. Er besaß einen Doktortitel in Philosophie – „Der war der billigste“, habe dessen Mutter kommentiert –, seine Hobbys waren Chemie und Astronomie. Im Turm der Villa hatte er sich ein kleines Observatorium eingerichtet, im Bürogebäude ein Labor. Hier entwickelte er die Idee, seine Produktpalette, die unter anderem Bremsklötze und Roststäbe für die Reichsbahn umfasste, zu erweitern. Er wollte Glocken aus Gusseisen gießen. „Glocken war ja nach dem Krieg außerordentlich rar, viele wurden eingeschmolzen oder zerstört“, so Fröhlich.

Der Klang der Eisenglocken sei recht gut gewesen, und als eine Art „Werbegeschenk“ bekam die benachbarte Philipp-Melanchton-Kirche ein Geläut. Doch nicht alle Geistlichen waren zufrieden. „Fritz Weeren wurde gesagt, nur Bronzeglocken seien gottgewollt.“ Die Produktion ging trotzdem bis 1956 weiter. Das Ende der Firma kam in den Achtzigerjahren. Fritz Weeren war inzwischen gestorben, sein Sohn Franz hielt nun allein die Fäden in der Hand. Viele Jahre zuvor hatte er eine US-Amerikanerin mit zwei Töchtern geheiratet. „Die Schwiegermutter behandelte sie eisig“, erinnert sich Fröhlich. Irgendwann packte die junge Frau ihre Sachen, kehrte in die Heimat zurück und führte fortan eine Fernehe mit Franz. Der zog 1983 einen Schlussstrich, inzwischen über 60 Jahre alt. „Er verkaufte die Firma klammheimlich, kündigte den Arbeitern und Angestellten, während sie in Urlaub waren, und setzte sich in die USA ab“, so Fröhlich.

Neue Eigentümerin des Geländes war eine Supermarktkette. Sie wollte die Villa abreißen, doch dagegen formierte sich schnell Widerstand. Das ganze Ensemble wurde unter Denkmalschutz gestellt. Die Verbindung von repräsentativer Fabrikantenvilla und Fertigungskomplex sei in einer Großstadt etwas Besonderes, hieß es in der Begründung.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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