Keine Lust auf würdelosen Kleinkrieg
Eine Anwohnerin der Weserstraße über nächtlichen Lärm, Kneipen und ein Tourismuskonzept

Ihr Gesicht möchte Gertrud Schrader nicht in der Zeitung sehen. Sie befürchtet Anfeindungen.
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  • hochgeladen von Susanne Schilp

Seit Jahren leiden die Bewohner des Reuterkiezes unter dem nächtlichen Kneipenlärm. Eine der Betroffenen, die sich mit Nachbarn zu einer Initiative zusammengeschlossen hat, ist Getrud Schrader. Ein Gespräch.

Frau Schrader, wie ist die aktuelle Situation?

Kaum auszuhalten. Ich wohne in der Weserstraße. Im Abschnitt zwischen Reuterplatz und Pannierstraße ist jede Ladenfläche von einer Kneipe belegt, und alle stellen Tische raus. Es ist fast jede Nacht sehr laut, bei schönem Wetter bis gegen 2 Uhr. Manchmal ist die ganze Kreuzung am Reuterplatz vor dem Späti voller feiernder Leute. Auf der Straße wird mit Flaschen rumgekegelt, alles ist voller Scherben. Wir sitzen abends nicht auf dem Balkon, weil Gespräche unmöglich sind. Im Sommer konnten wir kaum lüften, und das bei der Hitze. Kinder, die tagsüber mit ihren Fahrrädern auf dem Gehweg fahren, werden von Gästen angepöbelt. Mein Fazit: Der öffentliche Raum ist nur noch für die Kneipen da.

Seit wann ist das so?

Ich bin 1994 nach Neukölln gezogen, 2009 in die Weserstraße. Um diese Zeit machte „Fuchs und Elster“ auf, eine Bar mit Live-Musik im Keller eines Hinterhauses. Die schaffte es schnell in den „Lonely Planet“ (ein beliebter Reiseführer, Anm. d. Red.). So kamen die Touristen in Scharen und immer mehr Läden machten auf. Damals haben wir angefangen, Lärmprotokolle zu führen – als Nachweis für das Ordnungsamt.

Hat das Ordnungsamt nicht reagiert?

Wir beschweren uns seit fast zehn Jahren, an der Situation in der Straße hat sich nichts geändert. Im Zweifelsfall sagen die Kneipiers: Es waren nicht unsere Gäste, es waren die von nebenan. Ab 22 Uhr ist dann eh die Polizei zuständig. Das funktioniert aber auch nicht gut. Häufig kommen die Beamten erst anderthalb Stunden nach Anruf, haben keine Lärmmessinstrumente dabei. Manche weigern sich, Anzeigen aufzunehmen.

Haben Sie oder andere Anwohner Kontakt zu den Gastronomen?

Ach, ich habe überhaupt keine Lust auf einen würdelosen Kleinkrieg. Die Gastronomen wollen oder können nicht auf den maximalen Umsatz verzichten – die Miete muss schließlich gezahlt werden. Der Druck ist auf beiden Seiten groß und ein Gesprächsversuch endet schnell in Beschimpfungen. Es geht nicht um den einzelnen Kneipen-Betreiber. Was wir hier erleben, ist ein strukturelles Problem und so muss es auch angegangen werden.

Was meinen Sie damit?

Am Anfang hat die Politik die Augen zugemacht und gesagt: Alles, was Geld in den Bezirk bringt, ist gut. Neukölln wurde von den Partymachern bald als rechtsfreier Raum empfunden, in dem alles erlaubt ist. Diesem Image wurde nichts entgegengesetzt. Die Haltung der Bezirkspolitiker und des Ordnungsamts hat sich zwar inzwischen ein wenig geändert, aber unser Recht auf Nachtruhe können wir nach wie vor nicht durchsetzen. Die meisten, die hier wohnen, müssen früh zur Arbeit, die Kinder zur Schule. Hier steht ganz klar die Lebensqualität von vielen Menschen gegen die Profitinteressen weniger.

Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden?

Unsere Forderungen an das Bezirksamt sind, das Aufstellen von Tischen und Stühlen vor Kneipen grundsätzlich nur noch bis 22 Uhr zu genehmigen. Keine neuen Lokale erlauben. Sich für eine Deckelung der Gewerbemieten starkmachen. Dann wäre es auch wieder für andere Geschäftsleute und Dienstleister finanziell machbar, sich in der Weserstraße anzusiedeln. Wir haben hier keine Handwerker mehr, keine Physiotherapie, die Nahversorgung ist geschrumpft: Neu eröffnen nur Bars und Kneipen.

Versprechen Sie sich etwas vom neuen Tourismuskonzept, das für Neukölln in Arbeit ist?

Bezeichnenderweise ist die Konzept-Entwicklung bei der Abteilung Wirtschaft angesiedelt und nicht bei der Stadtentwicklung. Also wird es wieder vorrangig ums Geld und weitere Steigerungen der Besucherzahlen gehen und darum, wohin man Neuköllnbesucher zusätzlich leiten kann. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Lebensqualität der Anwohner, deshalb muss gesamtstädtischer und ressortübergreifend gedacht werden. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass auf der landeseigenen Internetseite Berlin.de Touristen immer noch der Reuterkiez empfohlen wird, kann ich nur den Kopf schütteln.

Spielen Sie mit dem Gedanken wegzuziehen?

Ich höre diese Frage öfter, mich frustriert sie sehr. Die sprichwörtliche Toleranz in Berlin – das „Leben und leben lassen“ – gilt wohl nicht für Anwohner. Einen Umzug könne wir uns nicht leisten und es wäre sehr kompliziert, das Familienleben neu zu organisieren. Ich will auch nicht, dass meine Tochter die Schule wechseln muss. Apropos: Wissen Sie, was mir eine Frau, die hier jahrelang eine Kneipe voller Touristen betrieben hat, in einer Mediationsrunde mit Anwohnern und Gastronomen sagte? Es sei unverantwortlich, in diesem Kiez ein Kind aufwachsen zu lassen.

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