Die kurze Glanzzeit eines Kaufhauses
Karstadt am Hermannplatz feiert 90. Geburtstag mit einer Ausstellung und wirft einen Blick zurück

Ein Herzstück ist ein Modell es historischen Karstadt-Gebäudes.
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  • Ein Herzstück ist ein Modell es historischen Karstadt-Gebäudes.
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Während die politische Diskussion weitergeht, ob das Karstadthaus in seiner historischen Gestalt wiederauferstehen soll, erinnert eine Ausstellung an die wechselvolle Geschichte des Einkaufstempels. „Kiezgestein – 90 Jahre Karstadt am Hermannplatz“ ist im vierten Obergeschoss zu besichtigen.

Zehntausende Menschen warten am 21. Juni 1929 vor dem Riesengebäude. Um 16 Uhr ist es so weit: Die Türen öffnen sich, die Polizei sorgt dafür, dass die Menge einigermaßen geordnet Einlass findet. Staunend wandern Groß und Klein durch die Etagen, die dank dreier großer Lichthöfe sonnendurchflutet sind. Sie bewundern, noch ein wenig schüchtern, die neuartigen Rolltreppen und besuchen die 4000 Quadratmeter große Dachterrasse, die 32 Meter hoch liegt und einen fantastischen Rundblick bietet.

Auf 72 000 Quadratmetern Fläche finden sie alles, was der Mensch so braucht – von preisreduzierten Waren im Untergeschoss bis zu Möbeln und einer mondänen Lebensmittelhalle in der fünften Etage. Es gibt eine Badeanstalt, eine Sporthalle, Restaurants, Friseure für Frauen, Männer, Kinder und einen Spielplatz mit Karussell.

Es ist nicht das erste Kaufhaus von Rudolph Karstadt. Den Anfang hat er 1881 in Wismar gemacht. Das Konzept, Waren zu einem erschwinglichen Festpreis zu bekommen, statt auf dem Markt handeln zu müssen, trifft den Nerv der Zeit. Der Unternehmer kann das Grundstück am Hermannplatz erwerben, weil die Häuser, die zuvor dort standen, dem U-Bahnbau weichen müssen. Das Tunnelnutzungsrecht kauft er gleich mit, sodass die Kunden direkt aus dem Untergrund ins Kaufhaus gelangen können.

Aufzug für Autos

Ende 1927 beginnen die Arbeiten. Eine eigens errichtete Lorenbahn vom Urbanhafen schafft Splitt und Kies heran. Trotz des harten Winters 1928/29 kommen die Bauarbeiten gut voran, im Schnitt sind 420 Arbeiter auf der Baustelle. Rund 15 Millionen Reichsmark kostet es, den Entwurf von Architekt Philipp Schaefer zu verwirklichen.

Das Kaufhaus ist nicht nur prächtig, sondern auch das modernste Europas. Heizung, Kühlanlage und Brandschutz sind auf der Höhe der Zeit. Eine halbe Million Meter Elektroleitungen werden verlegt. Einige Finessen bleiben den Kunden verborgen. Neben den 24 Personenfahrstühlen gibt es beispielsweise einen Autolastenaufzug. Er kann einen beladenen Lastwagen direkt in die Lebensmittelabteilung bringen.

Die meisten der 4000 Angestellten arbeiten gerne bei Karstadt. Zwar sind die Regeln streng, doch das Unternehmen bietet seinem Personal einiges: einen Tagesraum mit Bibliothek und Billardtisch, Ruheräume, einen Liegestuhl-Bereich auf dem Dachgarten. Im Urlaub darf das Ferienheim Schierke im Harz genutzt werden.

Doch schon 1930, ein Jahr nach der Eröffnung, ist das Karstadt-Unternehmen angeschlagen. Während der Weltwirtschaftskrise müssen zwei Etagen geschlossen werden, das Personal schrumpft deutlich. Als die Nazis 1933 die Macht ergreifen, müssen auch die vielen jüdischen Mitarbeiter gehen. Im Gegenzug gewährt der Staat einen Millionenkredit, um den Fortbestand zu sichern.

Durch die NS-Zeit 

Das war nicht von vorneherein klar, denn die Nationalsozialisten mögen keine Warenhäuser. Sie begreifen sie als Konkurrenz für den Mittelstand, den sie umwerben. Außerdem sind viele der Einkaufstempel in jüdischer Hand. Ein braunes Blatt schreibt: „Mitten in einem Arbeiterviertel, dessen Bewohner eben gerade noch das Dasein fristen, deren Elend zum Himmel schreit, erhebt sich dieses Monstrum von einem Würge-Palast.“ Doch die Nazis arrangieren sich mit Karstadt am Hermannplatz. Es erhält sogar den Titel „Vorstufe zum nationalsozialistischen Musterbetrieb“.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kommt es zu Versorgungsengpässen und Lebensmittelrationierungen, viele der Mitarbeiter müssen an die Front. Karstadt vermietet die zweite bis vierte Etage an das Heeresbekleidungsamt. Kurz vor der Kapitulation sprengt die SS unangekündigt das Gebäude. Die Lebensmittel sollen nicht in russische Hände fallen.

Bald schon wird aus einen Provisorium im Trümmerschutt heraus weiterverkauft. Im Jahr 1951 eröffnet der Neubau, weitere Um- und Ausbauten folgen. Wie es mit dem Kaufhaus weitergegangen ist? Das erfahren Besucher voraussichtlich noch bis zum nächsten Frühjahr in der Ausstellung im vierten Obergeschoss von Karstadt am Hermannplatz 5–10.

Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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