"Wir sind kein Betongold"
Mieter an der Schönhauser Allee protestieren gegen Hausverkauf

Protest mit Ansage: Mieter der Schönhauser Allee 135. Hier leben Künstler, Freiberufler, Rentner und Familien.
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Überall in Berlin kaufen private Investoren Mietshäuser samt Bewohnern auf. Jüngstes Beispiel im Prenzlauer Berg ist die Schönhauser Allee 135. Dort wehren sich die Mieter mit Protest, Demo und ungeschminkten Worten.

Vor dem schlichten Altbau wird fleißig gepinselt. Die Farbe ist noch feucht, aber die ersten Slogans sind schon lesbar. „Wir sind kein Betongold“, „Ausverkauf oder Vorkauf für nicht kapitale Mieter“ oder „Aufstand der Würde“ steht auf den Plakaten. Die Mieter tun ihren Protest auch plastisch kund. „Wir wehren uns gegen den Verkauf unseres Hauses an einen international agierenden Immobilienanleger. Dieser Firma geht es ausschließlich um Profit, nicht um die Menschen die hier leben.“ Sandra Preussner, Etienne Wuthe und Sarah Hiron sprechen im Namen aller Bewohner des Hauses an der Schönhauser Allee 135.

75 Mieter leben hier: Kinder, Schüler, Studenten, Musiker, Rentner, ein Fahrradbote, eine Gastwirtin und ein Koch, drei Krankenschwestern und ein Arzt, Künstler, ein IT-Manager und ein Fotograf, zwei DJs, eine Theaterpädagogin, Freischaffende, Angestellte und Selbständige. Auch ein Späti mit Poststelle sitzt im Erdgeschoss. Ein geflüchteter Syrer und sein Sohn verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Gleich nebenan betreibt Berit Brück mit ihrem Mann das beliebte Restaurant „Neugrüns Köche“. Sie alle sind in Sorge, denn ihr Haus wurde verkauft. An die Schweizer Blue Rock Group, die in Berlin 13 Häuser mit über 300 Wohnungen erworben hat. Die Corinther Straße 56 in Friedrichshain zum Beispiel.

Was mit ihnen nach dem Verkauf passiert, wissen die Mieter aus der Schönhauser Allee nicht. „Werden wir weiterverkauft oder unsere Wohnungen zu Eigentum, steigen die Mieten? Die Unwissenheit zermürbt“, sagt Jörg Liebsch. Sein Nachbar Etienne Wuthe wohnt seit über zehn Jahren im Haus. „Ich bin 41 Jahre alt und hier in der Nachbarschaft groß geworden. Verdrängt zu werden, können sich viele von uns nicht leisten, aber dennoch entwurzelt und entreißt man uns aus unseren Kiezen.“ Als Sarah Hiron in die Schönhauser Allee einzog, war ihr Sohn drei Tage alt. „Er hat ein Recht, hier auch aufzuwachsen“, sagt die Museums- und Theaterpädagogin. Längster Mieter im Haus ist Julius. Seit 1982 lebt der freiberufliche Klavierlehrer hier. Damals kostete die Miete 55 Mark. Raus kann und will er nicht, sagt Julius. Das Zimmer mit dem Klavier hat er lärmgedämmt und gerade erst mit der Sanierung seines Bades begonnen. „So viel Abstand kann mir keiner zahlen, um mich rauszukriegen.“ Auch Gastwirtin Berit Brück sorgt sich, dass die Miete für ihr Restaurant so steigt, „dass wir sie uns nicht mehr leisten können“. Anderswo aber sind die Gewerbemieten teuer. „Wir sind Köche mit Herzblut, kochen mit regionalen Produkten und bilden Lehrlinge aus“, sagt Brück. Das alles stehe auf dem Spiel, wenn sie ausziehen müssten.

Die Schönhauser Allee 135 ist eines der letzten unsanierten Häuser im Kiez. Einige Wohnungen haben noch Kachelöfen, andere Gamatheizungen. Die durchschnittliche Nettokaltmiete beträgt 5,50 Euro pro Quadratmeter. Und das Haus liegt im Milieuschutzgebiet „Falkplatz“. Der Bezirk hat damit das Vorkaufsrecht. Am 28. Juni endet die zweimonatige Frist. Um eine eigene Genossenschaft zu gründen, die das Haus kauft, ist es für die Mieter zu spät und für viele finanziell auch nicht machbar.

Bezirk soll Vorkaufsrecht ausüben

Die Mieter fordern deshalb von Bezirksamt und Senat den Kauf ihres Hauses über eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft- oder genossenschaft. Rückenwind bekommen sie dafür auch von Politikern wie dem Pankower Bundestagsabgeordneten Klaus Mindrup (SPD) und dem Abgeordneten Andreas Otto (Grüne). „Nach meiner Erfahrung ist es sehr hilfreich, wenn Hausgemeinschaften sich bereits vor dem Verkauf von Häusern organisieren“, sagt Otto. „Wer in einem solchen Haus lebt, ist gut beraten, mit den Eigentümern Kontakt aufzunehmen und mittels einer Genossenschaft oder des Mietshäusersyndikats ein Kaufangebot zu unterbreiten. Auch dafür gibt es eine Genossenschaftsförderung.“ Als positives Beispiel nennt Andreas Otto die Stargarder Straße 65. Dort hatten sich Bewohner vor dem Verkauf ihres Hauses organisiert und waren damit zumindest vorbereitet, als der Eigentümer dann tatsächlich verkauft hat. „Das Haus ist heute bei der Genossenschaft Ostseeplatz“, sagt Otto. Im Fall der Schönhauser Allee 135 haben die Mieter allerdings erst Wochen nach dem Verkauf von dem Deal erfahren.

Im Bezirksamt wird das Vorkaufsrecht derweil geprüft. „Wir haben sowohl kommunale Gesellschaften als auch Wohnungsbaugenossenschaften als potentielle Drittbegünstigte angefragt“, informiert Stadtentwicklungsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne). Über die Gewährung von eventuellen Zuschüssen seitens des Senats gebe es aber noch keine Entscheidung. Sollte der städtische Kauf nicht zustande kommen, könnte der Neueigentümer mit dem Bezirksamt eine Abwendungsvereinbarung unterzeichnen. Die schließt im Milieuschutzgebiet eine Luxussanierung oder die Umwandlung der Mietwohnungen in Wohneigentum langfristig aus. In Pankow hat das Bezirksamt das Vorkaufsrecht im Vorjahr drei Mal ausgeübt, in diesem Jahr bislang ein Mal.

Darauf hoffen nun auch die Bewohner der Schönhauser Allee 135. Am 9. Juni haben sie eine große Demo organisiert – gemeinsam mit den Mietern aus der Choriner Straße 12. Deren Haus im Prenzlauer Berg wurde ebenfalls verkauft. Zusammen wollen sie auch künftig zahlreich auf die prekäre Lage vieler Berliner Mieter aufmerksam machen und sich gegen die drohende Verdrängung wehren. Lautstark und mit ungeschminkten Worten.

Protest mit Ansage: Mieter der Schönhauser Allee 135. Hier leben Künstler, Freiberufler, Rentner und Familien.
Mieter bereiten sich auf lautstarken Protest vor.
Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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