„Ein gesetzlicher Zwang ist unnötig!“
Carola Schaaf-Derichs über den Bundesfreiwilligendienst, Lobbyarbeit und eine Anerkennungskultur

Carola Schaaf-Derichs ist Geschäftsführerin der Landesfreiwilligenagentur Berlin.
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  • Foto: Landesfreiwilligenagentur Berlin
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Wie steht es um das Ehrenamt in der Stadt? Die Geschäftsführerin der Landesfreiwilligenagentur Berlin, Carola Schaaf-Derichs, zieht im Interview mit Berliner-Woche-Reporter Michael Vogt eine kritische Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft.

Frau Schaaf-Derichs, Sie vernetzen Menschen und Organisationen in Berlin, die sich in irgendeiner Form freiwillig für diese Gesellschaft engagieren. Was hat Sie persönlich zum Thema Ehrenamt geführt?

Carola Schaaf-Derichs: Freiwilliges Engagement begann bei mir früh in der Schulpolitik und danach mit der Gründung eines Sportvereins. Später habe ich mich in meinem Beruf als Psychologin auf Community Psychology fokussiert, in der es um die Arbeit mit gesellschaftlichen Gruppen geht. Die Beratung von Ehrenamtlichen war dabei ein Teil meiner praktischen Arbeit.

Werden die Berliner Freiwilligenagenturen derzeit von der Politik ausreichend gewürdigt und unterstützt?

Carola Schaaf-Derichs: Es hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Dank unermüdlicher Lobbyarbeit bekommen die bezirklichen Freiwilligenagenturen seit 2018 vom Land eine jährliche finanzielle Unterstützung. Immerhin sind das 100 000 Euro, die durch Sachmittel der Bezirke noch um 30 000 Euro aufgestockt werden. Damit haben wir in Berlin im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern eine erste, ausbaufähige Arbeitsgrundlage.

Das Bekenntnis des Senats zur Unterstützung des Ehrenamts ist bereits im aktuellen Koalitionsvertrag festgeschrieben. Darin ist auch die Rede von der Entwicklung und Umsetzung einer konkreten Ehrenamtsstrategie bis Mitte 2020. Gibt es hier schon praktische Ergebnisse?

Carola Schaaf-Derichs: Eine Berliner Engagementstrategie haben wir zusammen mit dem Landesnetzwerk Bürgerengagement Berlin schon viele Jahre gefordert. Wir arbeiten im jetzt angestoßenen aktuellen Prozess mit. Es geht dabei um mehr Transparenz, Überblick und Kooperation, auch mit dem Staat. Dies ist eine große Herausforderung, denn es gilt eine Fülle von Erwartungen und Ideen in Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft sinnvoll zu koordinieren, sie strategisch orientiert gemeinsam zur Wirkung zu bringen.

Das klingt recht kompliziert. Was ist Ihr Vorschlag?

Carola Schaaf-Derichs: Strategische Ziele zu definieren, bedeutet eine ehrliche Analyse des Ist-Zustands zu leisten. Aber das engagierte Berlin wandelt sich stetig. Starre Strategien können da schnell an Wert verlieren. Zum Beispiel ist heute die Situation im Bereich Migration eine ganz andere als noch 2015: Wo und wie entstehen neue Handlungsbedarfe, was wird zukünftig wichtig und braucht Unterstützung. Eine regelmäßig erhobene Engagement-Bilanz für alle ehrenamtlichen Tätigkeiten wäre ein riesiger Schritt vorwärts.

Braucht es für die aktiv helfenden Menschen eine bessere finanzielle Aufwertung ihres Ehrenamts?

Carola Schaaf-Derichs: Freiwilliges Engagement ist unbezahlbar und dafür kann man den Aktiven gar nicht genug danken. Neben der Würdigung durch Freiwilligenpass und Ehrenamtskarte kann jedoch auch vielen ein vergünstigtes oder sogar kostenloses Nahverkehrsticket helfen und für sie die Schwelle zum Engagement senken. Das muss natürlich auch für die BVG gegenfinanzierbar sein.

Wie stehen Sie zum Vorschlag der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer für einen Pflichtdienst für junge Menschen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten?

Carola Schaaf-Derichs: Die Nachfrage nach einem freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahr oder dem Bundesfreiwilligendienst ist ungebrochen hoch und übersteigt das Angebot bei Weitem. Das zeigt deutlich, dass ein gesetzlicher Zwang unnötig ist. Überdies erleben junge Menschen ihren freiwilligen Dienst meist als eine große Chance zum Lernen, zum Sammeln von Lebenserfahrung. Man sollte ihr freiwilliges Engagement mehr unterstützen und die Angebote eher erweitern.

Welche Veranstaltungen werden für die Berliner Landesfreiwilligenagentur im Jahr 2020 besonders relevant sein?

Carola Schaaf-Derichs: Da gibt es viele. Am 29. Januar zur Nacht der Solidarität werden die Obdachlosen in Berlin gezählt, und wir sind bei der Auswertungsveranstaltung mit dabei. Es ist ein Zeichen, nicht wegzuschauen, sondern sich konkret mit einem stetig wachsenden Problem auseinanderzusetzen. Darüber hinaus rechnen wir damit, dass sich der wachsende Zulauf auf unseren drei größten Veranstaltungen fortsetzt. Das ist neben dem Stiftungstag und der Engagementwoche vor allem die Freiwilligenbörse im April. Das Jahr 2020 wird unter dem Motto „Lern.Ort.Engagement.“ stehen. Denn eins ist sicher: Man lernt sehr viel bei einer Tätigkeit, für die man so brennt, dass man dafür freiwillig und unbezahlt seine Zeit investiert.

Autor:

Michael Vogt aus Prenzlauer Berg

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