„Wir wollen keinen bösen Strafvollzug“
Der Berliner Vollzugsbeirat setzt sich für zeitgemäße Haftbedingungen ein

Dr. Olaf Heischel ist Vorstandsvorsitzender des Berliner Vollzugsbeirats (BVB) und Träger des Bundesverdienstkreuzes.
  • Dr. Olaf Heischel ist Vorstandsvorsitzender des Berliner Vollzugsbeirats (BVB) und Träger des Bundesverdienstkreuzes.
  • Foto: Ingrid Meyer
  • hochgeladen von Michael Vogt

Ehrenamtliche Beiräte in Justizvollzugsanstalten gibt es in Deutschland schon seit über 100 Jahren. Sie stehen der Anstaltsleitung, den Bediensteten und den Gefangenen als Ansprechpartner zur Verfügung. In der Hauptstadt gibt es darüber hinaus – bundesweit einmalig – eine koordinierende übergeordnete Stelle, den Berliner Vollzugsbeirat (BVB).

Das seit 1979 bestehende Gremium setzt sich aus den Vorsitzenden der Beiräte der acht Berliner Justizvollzugsanstalten sowie aus Vertretern der Öffentlichkeit zusammen. Es befasst sich mit grundlegenden Vollzugsfragen aller Berliner Anstalten, berät den Senat, unterbreitet Vorschläge für Gesetzesänderungen, reicht Petitionen ein, vermittelt zwischen den Beiräten und Anstaltsleitungen.

Dr. Olaf Heischel, seit 1999 Vorstandsvorsitzender des BVB, steht mit ganzem Herzen hinter seiner freiwilligen Tätigkeit. „1989 wurden neue Mitglieder für den BVB gesucht“, erinnert sich der Rechtsanwalt. „Schon 1984 habe ich Gesprächsgruppen mit Gefangenen in der JVA Tegel durchgeführt. Der Strafvollzug hat mich schon immer interessiert, deshalb habe ich das Ehrenamt gerne angenommen und mache das bis heute mit großer Freude.“

Die Idee von Beiräten in Gefängnissen leitet sich ursprünglich aus der christlich geprägten Vorstellung ab, dass auch Straftäter ein Seelenheil haben, das gerettet werden muss. Die Realität im Strafvollzug sah jedoch zunächst anders aus, war anfangs geprägt von teils langen Einschlusszeiten in baulich sehr beengten Zellen. Angebote wie psychologische Betreuung und Weiterbildung gab es bis in die 80er-Jahre hinein kaum.

Essen ist auch heute das klassische Dauerthema

Unter anderem die Arbeit des BVB trug dazu bei, dass sich inzwischen einiges geändert hat. „Zwar ist das Essen immer noch das klassische Dauerthema, aber wir konnten in vielerlei Hinsicht etwas dafür tun, die Haftbedingungen zu verbessern“, sagt Heischel. Dabei solle nicht der Irrtum entstehen, dass der Beirat den Sinn des Strafvollzugs oder gar die verhängten Strafen infrage stelle. Vielmehr gehe es darum, den Freiheitsentzug menschenwürdig zu gestalten. „Zeitgemäße Haftbedingungen sollten der Maßstab unserer Zivilisation sein“, lautet das Credo des BVB-Vorstands.

Konkrete Beispiele für kleine Fortschritte gibt es viele und prägen die tägliche Arbeit der Beiräte. Da ist die Organisation von Weiterbildungskursen zum Umgang mit neuen Medien, die oft vielen Insassen unbekannt sind. Dann sind bauliche Veränderungen in veralteten Gebäuden nötig. Und wenn wieder mal ein besonders heißer Sommer den Aufenthalt in den Zellen zur Tortur werden lässt, kümmern sich die Beiräte um die Beschaffung von Ventilatoren. Dass bessere Haftbedingungen in Kombination mit Resozialisierung letztlich sehr wirkungsvoll für die Sicherheit der Gesellschaft sind, davon sind die Ehrenamtlichen des BVB überzeugt. Olaf Heischel bringt die Motivation seiner Mitstreiter auf den Punkt: „Wir wollen keinen bösen Strafvollzug!“ Dass er damit richtig liegt, zeigt schon allein die Auszeichnung seiner engagierten Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz, verliehen für seine Verdienste im Berliner Strafvollzug.

Ehrenamtliche Mitstreiter gesucht

Wer sich für eine Tätigkeit als Anstaltsbeirat interessiert, kann sich direkt an den BVB wenden. Der hilft auch bei der Vermittlung einer weiteren Form des ehrenamtlichen Engagements, der sogenannten Vollzugshelferschaft. Mit Besuchen, Briefwechseln oder Hilfe bei behördlichen Angelegenheiten werden die Gefangenen unterstützt. Und mehr noch: „Allein wieder die Sprache von ‚draußen‘ zu hören statt den ewigen ‚Knastjargon‘ kann für einen Gefangenen etwas Besonderes sein“, sagt Olaf Heischel.

Weitere Informationen und den Kontakt zum BVB findet man im Internet unter www.berliner-vollzugsbeirat.de.

Autor:

Michael Vogt aus Prenzlauer Berg

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

WirtschaftAnzeige

DieMaklerin.berlin
2022: Das ändert sich im neuen Jahr

Am Anfang und im Laufe des neuen Jahres müssen sich Mieter und Immobilieneigentümer auf viele Neuerungen einstellen. Ein Überblick: • Die CO2-Abgabe zur Eindämmung des Verbrauchs von fossilen Kraft- und Brennstoffen in Deutschland steigt von 25 Euro auf 30 Euro pro Tonne. • Öfen, Herde und Kamine: Festbrennstoff-Einzelraumheizgeräte dürfen laut EU-Verordnung 2015/1186 (Anhang 2) ab ersten Januar 2022 bestimmte Emissionswerte nicht mehr überschreiten. • Solarpflicht: Wer in Baden-Württemberg neu...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 13.01.22
  • 224× gelesen
WirtschaftAnzeige
Farbenfroh strahlt die Fassade am Tierpark Center.
3 Bilder

Temporäre Open-Air-Gallery als echter Hingucker
Tierpark Center Berlin präsentiert während des Umbaus urbane Kunst

Während des momentan laufenden Umbaus wird das Tierpark Center in Friedrichsfelde zur temporären Open-Air-Gallery. Sieben Berliner Künstler*innen für Urban Art gestalten einen Teilbereich der Fassade mit speziell für den Standort entwickelten Motiven. Der Eigentümer hat das Projekt gemeinsam mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Andrea Stöckmann sowie Ulrike Gohla von den Stadtpiraten initiiert. Anwohner neugierig machen Das Motto lautet „Farewell“. Es steht für die Restrukturierung...

  • Bezirk Lichtenberg
  • 20.12.21
  • 585× gelesen
WirtschaftAnzeige
Lassen Sie sich bei Poeschke Bestattungen beraten.
2 Bilder

Poeschke Bestattungen
Einmal vorgesorgt – für immer alles geregelt: Mit einer Bestattungsvorsorge in das neue Jahr starten

Zum Jahresende zieht man Bilanz und schaut neugierig ins neue Jahr: Welche Überraschungen, Begegnungen und Zufälle – leider auch Schicksalsschläge – hält es für mich bereit? Es ist wohl gut, dass keiner in die Zukunft schauen kann. Allerdings sollte man seine Zukunft planen, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht. Und dazu gehört – wie jedes Jahr einmal zu Ende geht – auch das eigene Lebensende. Zugegeben, kein leichter Gedanke für die meisten. Aber bei weitem nicht so...

  • Bezirk Spandau
  • 21.12.21
  • 398× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen