Ein Stück Rudower Geschichte
Die Siedlung Am Waldrand wurde Ende der Dreißigerjahre gebaut – und feiert nun Jubiläum

An diesem Haus ist noch gut zu erkennen, dass es aus zwei Hälften besteht.
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Ganz im Südwesten Rudows, direkt an der Grenze zu Groß-Ziethen, liegt die Siedlung Am Waldrand. Am 17. August wird ihr 85. Geburtstag gefeiert. Eine gute Gelegenheit, um einen Blick zurück zu werfen.

Die ersten der 120 Doppelhaushälften konnten 1934 bezogen werden. Errichtet wurden sie in Regie der Stadt Berlin und der „Gemeinnützigen Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Groß-Berlin von 1930“. Zweck war es, vor allem Großfamilien mit wenig Geld zu einem Heim mit Garten zu verhelfen, in dem sie die Möglichkeit hatten, Gemüse und Obst anzubauen.

Allerdings konnten die zukünftigen Bewohner nicht einfach ein fertiges Häuschen erwerben. Es galt, beim Bau mitzuhelfen. Eine Arbeitszeit von mehr als zehn Stunden am Tag war keine Seltenheit: Die Siedler hoben mit Spaten, Picke und Schaufel die Baugruben aus, schafften Materialien mit der Schubkarre heran, förderten Wasser mit zwei Handpumpen und rührten damit Mörtel und Beton an. Gleichzeitig wurden Leitungen verlegt, sodass die Bewohner – als alles fertig war – mit Gas, Wasser und Strom versorgt waren. Nicht alltäglich zu jener Zeit.

Das friedliche Leben währte jedoch nicht lange. Der Zweite Weltkrieg verschonte kein einziges Haus völlig, sechs lagen am Ende in Schutt und Asche, die Hälfte war stark beschädigt. Dass viele Siedler mit dem Leben davonkamen, ist einem Ende der Dreißigerjahre errichteten Luftschutzbunker zu verdanken.

Gemeinsam bauten die Bewohner ihre Häuser wieder auf. Finanzielle Hilfe von Stadt oder Wohnungsbaugesellschaft gab es nicht. Hatten die Siedler bereits 1934 den Verein Am Waldesrand gegründet, beschlossen sie 1950, endlich, den Grundstein für ein Gemeinschaftshaus zu legen. Sie bauten es selbst und bezahlten jeden Pfennig aus eigener Tasche. Ein Kraftakt. Nach acht Jahren war alles unter Dach und Fach.

Mauerblümchen an Betonwand

Gefeiert wurde viel. Die älteren Siedler schwärmen noch heute von den großen Sommerfesten in den Fünfzigerjahren, vom „Adlerschießen“ mit der Armbrust, vom Fahrradreigen oder den Fackelzügen. Und das Gemeinschaftshaus ist lebendiger Treffpunkt geblieben. Im Saal finden regelmäßig Feste, Konzerte, Frühschoppen, Preisskats, Versammlungen und Tischtennisturniere statt. Dabei herrscht echte Demokratie: Jeder Siedler darf die Räumlichkeiten kostenlos nutzen.

Im Jahr 1961 gab es eine weitere Zäsur: Die Siedlung wurde im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Mauerblümchen. Die Bewohner hatten die Betonwand, die West-Berlin umschloss, direkt vor der Haustür – andererseits aber auch viel Ruhe. Ein wenig änderte sich das, als die Gropiusstadt bezogen wurde und Erholungssuchende das Gebiet entdeckten.

Die Siedler haben viel durch: In den Sechzigerjahren finanzierten sie Straßenbeleuchtung und -asphaltierung mithilfe von Gemeinschaftsfonds und Sammlungen. Zur Wende liefen ihre Reichserbbauheimstätten-Verträge aus. Nach zähen Verhandlungen mit dem Senat erreichten sie eine Verlängerung für weitere 75 Jahre.

1991 folgte dann der dickste Batzen: der Anschluss an das öffentliche Entwässerungsnetz. Die veranschlagten Kosten lagen bei 850 000 Mark, zu zahlen aus eigener Kraft. Zum Erstaunen und zur großen Freude aller fielen die Kosten weitaus geringer aus – dank der Arbeit des Vorstandes und der ins Leben gerufenen „Arbeitsgruppe Entwässerung“.

Immer noch im Wandel

Das Aussehen der Häuser hat sich im Laufe der Zeit verändert, es wurde um-, an- und neugebaut. Von den einst farbigen Fensterläden und Dachblenden ist kaum noch etwas zu sehen. Dennoch räumte die Siedlung viele Preise ab: beste Neuköllner Kleinsiedlung, Berliner Landessieger, ein dritter und ein zweiter Platz bei Bundesentscheiden, bei denen sie tausende Bewerber überflügelte.

Übrigens: Der namensgebende Wald wurde während des Krieges verheizt. In den vergangenen Jahren jedoch pflanzten Kinder rund 200 junge Bäume am ehemaligen Grenzstreifen, damit die Siedlung Am Waldrand ihrem Namen wieder gerecht werden kann.

Wer beim Fest vorbeischauen möchte, ist willkommen: Die Geburtstagssause beginnt am Sonnabend, 17. August, um 15 Uhr auf dem Vereinsgelände nahe des Welsumer Pfads. Es gibt Kaffee und Kuchen, Fassbier, Cocktails und ein Unterhaltungsprogramm für Große und Kleine.

An diesem Haus ist noch gut zu erkennen, dass es aus zwei Hälften besteht.
Ganz am Stadtrand gibt es noch spielende Kinder auf den Straßen.
Autor:

Susanne Schilp aus Neukölln

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