Willy Brandt und Günter Grass haben hier gekegelt
Der Hawaiianer Eric Hansen zeigt seine Lieblingsorte auf der Roten Insel

Eric Hansen (links) und Lesebühnen-Partner Matthias Rische vor Hansens liebstem Lieblingsort auf der Roten Insel: Marlene Dietrichs Geburtshaus in der Leberstraße.
  • Eric Hansen (links) und Lesebühnen-Partner Matthias Rische vor Hansens liebstem Lieblingsort auf der Roten Insel: Marlene Dietrichs Geburtshaus in der Leberstraße.
  • Foto: KEN
  • hochgeladen von Karen Noetzel

Wenn Eric Hansen Verwandte besuchen will, dann muss er für mindestens 22 Stunden in ein Flugzeug steigen. Warum aber soll er diese Strapazen einer Reise nach Hawaii auf sich nehmen, wenn er sich auf einer anderen „Insel“, der Schöneberger Roten Insel, genauso wohlfühlt.

Wir treffen den amerikanischen Autor, Journalisten und Satiriker am Südende der Julius-Leber-Brücke. Eric Hansen will uns zu den Orten auf der Insel führen, die ihn am meisten begeistern, und etwas über sich und sein aktuelles Projekt erzählen.

Deshalb begleitet ihn auf dem Rundgang sein neuer Projektpartner Matthias Rische. Rische, der in Tempelhof wohnt und in Potsdam arbeitet, hat bisher drei Lesebühnen ins Leben gerufen – jenes im Jahr 1987 erstmals in Magdeburg aufgetauchte literarische Phänomen mit Showcharakter, bei dem ein festes Autorenensemble, ergänzt durch Gäste, regelmäßig selbstverfasste, häufig unterhaltsame Texte vor Publikum vorträgt.

Er habe einen neuen Co-Moderator gebraucht, erzählt Matthias Rische, und einfach Eric Hansen gefragt, ob er dafür zur Verfügung stünde. „Nach einigem Zaudern hat er freudig zugesagt“, so der Lesebühneninitiator.

Plaudernd haben wir das Wirtshaus Heuberger im Zwickel zwischen Cherusker- und Gotenstraße erreicht. Eric Hanses erster Lieblingsort. Das Lokal habe früher „Zum Goten“ geheißen und sei in den 60ern ein wichtiger Treffpunkt der Sozialdemokraten gewesen, weiß er. „Willy Brandt und Günter Grass haben hier miteinander gekegelt“, hat Eric Hansen von der ehemaligen Besitzerin erfahren.

Grass machte den Verlust seiner Heimat Danzig und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu den Themen seiner Romane. In Eric Hansens neuestem Projekt geht es auch um Erinnerung – an seine Jugendzeit auf Hawaii. Weil der 59-Jährige, der sich in der Tradition von Art Buchwald und Mark Twain sieht, keine bloßen Memoiren schreiben wollte, erhält sein Buch Züge eines Thrillers. In „Am Strand meiner Jugend“ geht es um einen Mordfall.

Auf Matthias Risches Lesebühne in der Café-Bar und Kulturkneipe Naumann Drei, Naumannstraße 3, trägt Eric Hansen die gerade fertiggewordenen Kapitel seines Romans vor. das nächste Mal am 27. Februar um 19.30 Uhr. Das Publikum ist aufgefordert, das Gehörte zu beurteilen und zu kritisieren. „Ich baue meine Rezensenten gleich in das Buch ein“, erläutert der Autor. „Ein gewagtes Experiment“, wie Matthias Rische findet.

Der nächste Halt ist in der Gotenstraße vor Hausnummer 7. Hier hat bis zu seiner Emigration in die USA der von Schriftsteller Hansen bewunderte Gründer des Jazz-Labels „Blue Note“, Alfred Lion (1908-1987), gewohnt. „Er war Stammgast im Metropol am Nollendorfplatz, wo die internationalen Jazz-Größen auftraten.“ Gute Live-Musik werde, ergänzt Eric Hansen, zum Beispiel im Café Papala-Cup in der Gotenstraße 55 geboten. Und die besten Cocktails gebe es in der Jansen-Bar, ebenfalls in der Gotenstraße gelegen. Der allerliebste unter Eric Hansens Lieblingsorten ist aber das Geburtshaus von Marlene Dietrich in der Leberstraße 65.

Aber was verschlägt einen Hawaiianer ausgerechnet nach Deutschland und nach Berlin? Eric Hansens verblüffende Antwort: die Liebe zur Literatur des deutschen Mittelalters. Parzival, Nibelungen und Co. anstelle von farbigen Stränden, üppigen Regenwäldern, zwei Vulkanen und todesmutigen Wellenreitern? Hansen: „Ich war nicht der Surfertyp. Ich war käsig weiß und schmächtig, ein shark-bait, ein Haiköder. Man ködert Haie mit weißem Fleisch, müssen Sie wissen.“

Mit seiner Lebensgefährtin und Co-Autorin Astrid Ule besucht Eric Hansen ab und zu den Alten Sankt Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße und dort die Grabstätte der Brüder Grimm. „Wir legen dann eine Rose nieder und bitten um gute Ideen“, sagt er zum Abschied.

Autor:

Karen Noetzel aus Schöneberg

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