Eine teure Dachrinne
Wie eine Spandauerin Opfer des Handwerkertricks wurde

Wer sich auf unseriöse Haustürgeschäfte einlässt, hat zumeist den Schaden.
  • Wer sich auf unseriöse Haustürgeschäfte einlässt, hat zumeist den Schaden.
  • Foto: Symbolbild: Fotolia
  • hochgeladen von Thomas Frey

Die Frau ist 82 Jahre alt. Sie macht am Telefon einen selbstbewussten Eindruck. Gerade deshalb kann und passiert auch anderen, was sie erlebt hat.

Die Frau (Name der Redaktion bekannt) hat sich beim Spandauer Volksblatt gemeldet, weil sie Opfer eines sogenannten Handwerkertricks geworden ist. Die Masche ist nicht unbekannt. Bei fast jedem von uns hat wahrscheinlich schon irgendwann irgendjemand geklingelt und irgendwelche Reparaturarbeiten angeboten. Meist mit dem Verweis auf einen angeblich dringenden Schadensfall.

Eigentlich wisse sie, wie darauf zu reagieren sei, sagt die Geschädigte. In diesem Fall jedoch nicht. Und das musste sie leider im wahrsten Sinne des Wortes teuer bezahlen.

Die Geschichte beginnt an einem Sonnabend Anfang Juli, als ein Mann am Einfamilienhaus klingelt. Ihre Dachrinne sei schadhaft, sie müsse dringend zumindest begutachtet werden, erklärt der Fremde. Die Frau wiegelte das Angebot zunächst ab. Von einem Schaden sei ihr nichts bekannt, außerdem habe sie für solche Fälle einen Handwerker und ohnehin kein Geld im Haus.

Nach einigem hin- und her trabte der angebliche Dachrinnenexperte mit trauriger Miene wieder ab. Die 82-Jährige bekam Mitleid. Sie wollte ihm wenigstens etwas Geld mitgeben. "Aus der Sparbüchse meiner Enkelin habe ich mir vier Euro geborgt." Sie lief dem Mann hinterher. "Hier, für ein Eis für Ihre Kinder." Diese Geste „war mein größter Fehler. Denn jetzt hatte er mich am Haken.“

Der Mann bestand darauf, für das Geld einen Gegenwert zu erbringen. Zumindest genauer anschauen wolle er sich die Dachrinne einmal. Sehr schnell tauchte ein weiterer "Kollege" auf, der zuvor im Auto gewartet hatte. Schließlich hantierten vier Männer an der vermeintlich kaputten Dachrinne.

Zwei Tage dauerten die Arbeiten. Zunächst war die Rede von Kosten in Höhe von nur 15 Euro, dann kletterte der Preis in Verlauf der beiden Tage. Am Ende verlangten sie 9000 Euro.

Es begann ein Feilschen, das zunächst bei knapp 5000 Euro endete. Zwischenzeitlich hatte aber die Spandauerin bei einem befreundeten Installateur nachgefragt, wie teuer die Reparaturkosten sein könnten. Er teilte ihr mit, dass eine neue Dachrinne an ihrem Haus maximal 1800 Euro kosten dürfe.

Sie bezahlte dennoch 2500 Euro. Das Geld musste sie von der Bank abheben, wohin ihr die Männer folgten. Vor Ort verlangten sie erneut mehr. Dieses Mal aber blieb die Spandauerin hart und ließ sich nicht auf noch mehr Geld ein. Die Rechnung sollte ihr natürlich noch per Post geschickt werden. Sie hat sie bis heute nicht.

Das alles klingt wie ein Stück aus dem Tollhaus. Und die 82-Jährige ist sich dessen auch bewusst. Sie habe früher in leitender Funktion im Pflegebereich gearbeitet und kenne sich eigentlich aus mit Menschen aller Schattierungen. Für ihr Verhalten in diesen Tagen findet sie Begriffe wie fremdbestimmt oder "fast wie unter Hypnose".

Und manche beschriebenen Szenen sorgen auch noch im Nachhinein für Gänsehaut. Eine 82-Jährige allein mit vier Männern, die allen Anschein nach nicht zur seriösen Handwerkergilde zählten.

Die Hinweise der Polizei in solchen Fällen sind nicht neu. Keine Fremden in die Wohnung lassen, erst recht nicht, wenn jemand dort allein ist, ist eine feste Regel. Auch sollten Haustürgeschäfte natürlich nicht abgeschlossen werden, gerade wenn sie über die Mitleidstour angebahnt werden. Hilfe holen oder nach Hilfe rufen, erst recht, wenn das Gefühl aufkommt, den "Handwerkern" oder anderen "Verkäufern" nicht mehr gewachsen zu sein, lautet ein klarer Rat. Auch mit den Nachbarn sollte eine Vereinbarung getroffen werden, sich bei unbekannten Besuchern gegenseitig Beistand zu leisten. Andere sollen nicht den gleichen Fehler machen wie sie und gewarnt sein, erklärt die Spandauerin gegenüber dem Spandauer Volksblatt. Auch deshalb habe sie sich an die Zeitung gewandt.

Ihre neue, teure Dachrinne scheint zumindest erst einmal korrekt eingebaut worden zu sein. Sie hat zumindest einige Regenfälle bewältigt. Trotzdem war sie völlig unnötig. Denn die alte Dachrinne, das hat ein Installateur inzwischen bestätigt, war noch völlig intakt.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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