Hoffen auf den Frühling
Kiezgespräch zur wirtschaftlichen und sozialen Corona-Lage in Spandau

Betrieb ToGo. Das Barfly an der Brüder-/Ecke Wilhelmstraße.
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Ihr Lokal mache mit dem Außer-Haus-Verkauf höchstens fünf bis zehn Prozent des normalen Umsatzes, sagte Lucie Friede. Ihre Einrichtung sei zwar weiter arbeitsfähig, sehe aber gerade deshalb die Probleme vieler Menschen, erklärte Elke Schönrock. Viele Geschäftsleute hätten zwar in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben. Aber so langsam gehe auch ihnen das Geld aus, stellte Gabriele Fliegel fest.

Drei Stellungnahmen von drei Frauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Lucie Friede ist Betreiberin des Lokals Barfly und des benachbarten Plan B. in der Wilhelmstadt. Elke Schönrock ist Geschäftsführerin des Gemeinwesenvereins Haselhorst. Gabriele Fliegel amtiert als Vorsitzende des Spandauer Wirtschaftshofs. Eingeladen waren sie bei einem vom SPD-Abgeordneten Daniel Buchholz organisierten und moderierten Online-Kiezgesprächs am 22. Februar. Das Thema: Wege aus der Corona-Krise. Wie ist der aktuelle Stand und was muss getan werden?

Die Lage. Sie ist wenig überraschend sehr schwierig. Ob im persönlichen Bereich oder in der allgemeinen Einschätzung. Sie habe inzwischen "ihre komplette Altersvorsorge in den Laden gesteckt", erklärte Lucie Friede. Die laufenden Kosten müssen trotz geringer Einnahmen weiter beglichen werden.

Es gebe einen riesigen Gesprächsbedarf, konstatierte Elke Schönrock – bei Familien aber auch gerade bei Senioren. Viele hätten schon vor Corona wenige soziale Kontakt gehabt. Der Gemeinwesenverein biete deshalb neben Treffen vor der Haustür und im Büro unter Hygienebedingungen, auch Spaziergänge an. Außerdem seien die Mitarbeiter auf der Straße unterwegs.

Die Situation vieler Spandauer Gewerbetreibender sei zwar häufig noch nicht ganz so angespannt wie an anderen Orten in Berlin, meinte Gabriele Fliegel. Aber "wir können uns keinen dritten Lockdown leisten." Um das zu verhindern, sei gerade jetzt umsichtiges Verhalten nötig.

Barrieren und Alternativen. Die Einschränkungen des Lockdowns akzeptieren die drei Frauen  weitestgehend, aber nicht alle Maßnahmen. Erst recht findet nicht jede Umsetzung ungeteilten Beifall. Dass Corona-Hilfen nicht oder nur mit Verspätung dort landen, wo sie dringend benötigt werden, sei "dramatisch", erklärte Gabriele Fliegel. Das Beantragen der sogenannten dritten Überbrückungshilfe sei "ein Krimi", sagte Lucie Friede. Elke Schönrock sieht eine grassierende Corona-Müdigkeit. "Die Luft ist raus".

Kritische Anmerkungen zu manchen Vorgaben kamen speziell von manchen Zuhörern. Dass Blumenläden geschlossen sind und bis zum 1. März auch Friseursalons nicht arbeiten durften, gleichzeitig aber die Fußball-Bundesliga ihren Spielbetrieb aufrecht erhalten konnte, sei unverständlich, fand Olaf Löschke vom Stadtteilzentrum Siemensstadt.

Ein anderer Teilnehmer sah im deutschen Hang zur Gründlichkeit und Perfektion eine Wurzel für manche Schwierigkeiten. Sein Vorschlag: Vor dem Betreten eines Geschäfts oder Restaurants sollten die Kunden einen Schnelltest machen. Wer ein negatives Ergebnis vorlegen könne, dürfe rein. Dabei sei dann zwar von einer Fehlerquote zwischen zehn und 20 Prozent auszugehen. Aber das sei nun einmal das "Restrisiko". Es existiere ja auch bei Autofahrern oder Rauchern. Das Problem dabei: Ein nicht entdeckter Corona- Infizierter könnte könnte Gesunde anstecken.

Abwägen. Das Auseinandersetzen mit Corona mache auch Politikern keinen Spaß, gab Daniel Buchholz einen Einblick in seine Befindlichkeit. Jede Sitzung seiner Fraktion sei von Diskussionen geprägt, dass es auf der einen Seite aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen dringend Lockerungen geben müsse. Demgegenüber stehe der Blick auf die aktuelle Situation. "Für alle ist das gerade ein Fahren auf Sicht".

Natürlich vergaß der SPD-Abgeordnete auch nicht, auf das finanzielle Engagement der Landesregierung hinzuweisen. Zwischen 1,5 und zwei Milliarden Euro seien vom Senat inzwischen für Gewerbe und Kultur gewährt worden. Gerade im ersten Lockdown sehr schnell und unbürokratisch. Was auch zu Missbrauch geführt, vielen aber sofort geholfen habe.

Unterstützen ließen sich zum Beispiel Blumenläden, indem dort ein Strauß bestellt und vor der Tür abgeholt und bezahlt werde. So wie auch in der Gastronomie. Mit, siehe Lucie Friede, eher überschaubarem Erlös.

Durchhalten.
Ihr aktuelles Angebot solle vor allem zeigen: Wir sind noch da und bleiben es auch, sagte die Barfly-Betreiberin. Sogar ein paar positive Seiten, wie den "eins zu eins-Kontakt" mit ihren Gästen, kann sie dem derzeitigen Zustand abgewinnen. Beim Abholen der Essen bleibe meist Zeit für ausführliche Gespräche. Natürlich sei die Pandemie und der Umgang mit ihr das häufigste Thema. Auch das verbinde.

Ansonsten setzt Lucie Friede auf den Frühling. Auf wärmere Temperaturen und einem großzügigen Auslegen der Außengastronomie, die das Bezirksamt bereits im vergangenen Jahr gewährt hatte. Und wenn die Pandemie vorbei ist, würde sie alle Gäste "hoffentlich in den Arm nehmen können".

Auch Gabriele Fliegel hofft auf Treffen auf dem Markt mit vielleicht einigen gute Laune-Aktionen. Und Elke Schönrock plant dann ein "schönes Nachbarschaftsfest".

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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