„Archiv schreibende ArbeiterInnen“ sichert Dokumente über den DDR-Alltag

Dagmar Heymann, Jürgen Kögel, Dolores Pieschke und Britta Suckow kümmern sich um das „Archiv schreibende ArbeiterInnen“.
  • Dagmar Heymann, Jürgen Kögel, Dolores Pieschke und Britta Suckow kümmern sich um das „Archiv schreibende ArbeiterInnen“.
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Weißensee. So nah kommt man dem Alltag in den Volkseigenen Betrieben und der DDR heutzutage selten: Im „Archiv schreibende ArbeiterInnen“ wird aufbewahrt, was Werktätige an Geschichten und anderen Texten zu Papier brachten.

Das Archiv ist so einmalig, weil es sich um Originaldokumente handelt. Das, was die Mitglieder in Zirkeln schreibender Arbeiter im Osten Deutschlands verfassten, ist dort unverfälscht nachzulesen. So können die Nutzer anhand von Zeitdokumenten einen Eindruck vom Lebensgefühl der Bürger der DDR erhalten.

Die ersten Zirkel schreibender Arbeiter gründeten sich Anfang der 60er-Jahre in größeren Volkseigenen Betrieben (VEB) und Kulturhäusern. Sie wurden meist von einem Schriftsteller geleitet. Experten gehen davon aus, dass es etwa 300 von ihnen gab. In der Regel wurden die Texte ihrer Mitglieder gesammelt. Diese Materialien drohten Anfang der 90er-Jahre verloren zu gehen. Die Zirkel lösten sich auf, als viele Betriebe geschlossen wurden oder an neue Eigentümer gingen.

Damit diese Zeitdokumente nicht für immer verschwinden, wurde Anfang der 90er-Jahre ein Projekt initiiert. Dessen vom Arbeitsamt geförderten Mitarbeiterinnen recherchierten, wo es in den neuen Bundesländern noch Material über einstige Zirkel geben könnte. Im März 1994 sei das „Archiv schreibender ArbeiterInnen“ eröffnet worden, damals nahe dem U-Bahnhof Vinetastraße, erinnert sich Britta Suckow. Sie arbeitet im Archiv heute gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen.

Seit Anfang dieses Jahrzehnts befindet sich das Archiv unter dem Dach von Niles in der Gehringstraße 39. Träger ist der Verein SchreibArt. Der Verein organisiert eine Schreibwerkstatt und das einmal im Monat stattfindende Lesepodium in der Wolfdietrich-Schnurre-Bibliothek.

Deshalb passt das „Archiv schreibende ArbeiterInnen“ auch wunderbar zu SchreibArt. In ihm sind nämlich auch einstige Zirkelmitglieder wie Jürgen Kögel aktiv. Der pensionierte Pankower Musiker schrieb seit den 70er-Jahren in einem Zirkel im Bezirk Mitte seine Texte und war viele Jahre Vorsitzender des Vereins. „Unser Archiv wächst stetig weiter“, sagt Koordinatorin Dolores Pieschke. „Wir bekommen immer wieder Material von ehemaligen Zirkelmitgliedern oder -leitern.“ Außerdem reisen Vereinsmitglieder wie Jürgen Kögel durch die Republik, um ehemalige Zirkelleiter zu besuchen – und eventuell Dokumente für das Archiv zu bekommen.

Neben Texten aus den Zirkeln finden sich im Archiv auch zahlreiche Brigadetagebücher und sogar Fotoalben, in denen der Alltag in der DDR dokumentiert sind. „Wir haben einen Bestand von etwa 10 000 Texten von 3000 Autoren“, so Dolores Pieschke. „Weitere Texte und Dokumente zu den Zirkeln schreibender Arbeiter, die vielleicht noch irgendwo schlummern, sind uns stets willkommen.“

Das Archiv wird vor allem von Publizisten genutzt, die Informationen zum Leben in der DDR aus erster Hand erhalten möchten. Auch für die wissenschaftliche Arbeit wird das Archiv genutzt. BW

Geöffnet ist das „Archiv schreibende ArbeiterInnen“ donnerstags von 9 bis 15 Uhr sowie nach Vereinbarung unter  96 24 82 34. Weitere Informationen auf www.schreibartev.de.
Autor:

Bernd Wähner aus Pankow

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