100 Jahre Groß-Berlin: „Nun ist es mit der Selbstständigkeit vorbei“:
Wohlhabende Randgemeinden wollten nicht Teil von Groß-Berlin werden

Blick über das Steglitz der 1920er-Jahre. Rechts ist die Matthäuskirche zu sehen, links im Bild das Rathaus Steglitz.
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  • Blick über das Steglitz der 1920er-Jahre. Rechts ist die Matthäuskirche zu sehen, links im Bild das Rathaus Steglitz.
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Die Landgemeinden Steglitz, Lankwitz, Lichterfelde und Südende bildeten mit der Bildung Groß-Berlins den 12. Verwaltungsbezirk. Die bisherigen Vorortgemeinden waren alles andere als begeistert, sollten sie doch ihre Selbstständigkeit verlieren.

Karl Buhrow, damaliger Bürgermeister von Steglitz, sagte kurz vor der offiziellen Bildung von Groß-Berlin: „Nunmehr ist es mit der Selbstständigkeit von Steglitz vorbei. Übermorgen tritt ein neues Gebilde in Erscheinung …. Wir verschwinden aber nicht vollständig, wie verschiedene andere Orte, wir bleiben wenigstens Vorort des 12. Verwaltungsbezirkes, der neben Steglitz und Südende noch Lankwitz und Lichterfelde umfasst.“ Buhrows Rede, die er vor der letzten Sitzung der Steglitzer Gemeindevertretung hielt, wurde im „Steglitzer Anzeiger“ vom 30. September 1920 mit der Überschrift „Abschied von Steglitz“ abgedruckt.

Auch der Redakteur Erich Woth äußerte sich im „Steglitzer Anzeiger“ schon vor 1920 kritisch zur geplanten Bildung von Groß-Berlin. Er schrieb: „…. Wehmut beschleicht den echten Lokalpatrioten ob dieser Wendung und der echte, eingesessene Steglitzer wird mit Schmerz Abschied nehmen von der selbständigen Gemeinde und ihre stolze Entwicklung im Geiste vorüberziehen lassen...“ (Archiv des Heimatvereins Steglitz).

Die Steglitzer Gemeindepolitiker und auch der größte Teil der Bevölkerung wollten nicht ein Teil der neuen Metropole Berlin werden. Steglitz kämpfte vielmehr darum, eine eigenständige Stadt zu werden. Die notwendige Einwohnerzahl – 25 000 mussten es mindestens sein, um das Stadtrecht erwerben zu können – hatte die damalige Landgemeinde im Landkreis Teltow längst erreicht. Bis zum 19. Jahrhundert war Steglitz ein kleines Dorf mit nur ein paar hundert Einwohnern. Der Bau der Stammbahnstrecke durch Steglitz, die Entstehung der Villenkolonien in den Nachbardörfern Lichterfelde-West und Dahlem sowie die Gründung der Villen- und Landhauskolonie Südende brachte rasch den wirtschaftlichen Aufschwung. Kurz vor der Eingemeindung war die Steglitzer Bevölkerung auf über 80 000 Einwohner angewachsen. Den Stadtstatus, um den sich Steglitz seit 1903 immer wieder bemühte, sollte die Landgemeinde dennoch nicht erhalten. Der Grund: Wenn Steglitz Stadt geworden wäre, hätte es laut Gesetz einen Anspruch auf das Ausscheiden aus dem Kreis gehabt. Der Landkreis Teltow hätte seine steuerstärkste Gemeinde verloren und verwehrte der Landgemeinde Steglitz daher das Stadtrecht.

Ähnlich erging es Lichterfelde. Die Villenkolonie, die 1865 von Johann Anton Wilhelm von Carstenn durch den Kauf der verschuldeten Rittergüter Giesensdorf und Lichterfelde gegründet wurde, entwickelte sich schnell zur Landgemeinde Groß-Lichterfelde. Um 1920 lebten hier rund 47 000 Menschen. Schon 1917 gab es Bestrebungen, kreisfreie Stadt zu werden. Die vornehme Villenkolonie hatte aber auch keine Ambitionen mit dem ehemaligen Dorf Steglitz zusammengeschlossen zu werden. Noch am 23. Dezember 1918, im Zuge der Vorbereitung des Zusammenschlusses, hatte Lichterfelde vorgeschlagen, sich lieber mit Zehlendorf, Dahlem und Teltow zu einer großen Stadtgemeinde zusammenzuschließen als mit Steglitz. Die Lichterfelder hatten Angst den Charakter einer Gartenstadtgemeinde zu verlieren. Im Groß-Lichterfelder Lokal-Anzeiger vom 2. Dezember 1918 war zu lesen: „….Wir in Lichterfelde würden die Eigenarten einer …. gleichsam historisch und bodenständig entwickelten Gartenstadtgemeinde, beim rücksichtslosen Hineinstopfen in einen Groß-Berliner Riesenbrei sofort und rettungslos verlieren….“

Auch ein „Bürgerbund Berlin-Lichterfelde“ sprach sich im Oktober 1919 gegen eine Einheitsgemeinde aus. Der Verein hatte übrigens in der Drakestraße 64 seinen Sitz – dort, wo heute der Heimatverein Steglitz und das Steglitz Museum ihr Domizil haben. Die Villenbesitzer wollten nicht zum Moloch Berlin gehören und dann womöglich die armen Arbeiterbezirke mitfinanzieren.

Doch alles Klagen und jede Kritik halfen nichts. Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft und aus acht Städten, 59 Gemeinden und 27 Gutsbezirken wurde eine Millionenstadt gebildet, die flächenmäßig nach Los Angeles die zweitgrößte Stadt der Welt wurde.

Autor:

Karla Rabe aus Steglitz

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