Philipp Nitzsche, der interaktive Uhrmachermeister
Mit der Zeit gehen

Reparatur mit Akribie.
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  • Reparatur mit Akribie.
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Über viele Berufsgruppen gibt es Klischees. Auch über die des Uhrmachers. In dieser Vorstellung zerlegen meist ältere Herren die Innereien eines Zeitanzeigers. Betulich, bedächtig, fast etwas aus der Zeit gefallen. Auch, weil sie immer seltener zu finden sind.

Philipp Nitzsche leistet diese Arbeit ebenfalls mit Akribie. Ansonsten passt er weniger in solche Schablonen. Der Mann ist 30 Jahre alt, hat einen Meisterbrief und gehört inzwischen zu den bekanntesten Vertretern seines Gewerbes in Berlin und darüber hinaus. Zumindest im Internet. Denn neben seinem Handwerk betreibt er eine intensive interaktive Kommunikation. Auf der eigenen Website, aber auch per Podcast oder via YouTube. Das Thema überall: Sein Beruf, die Faszination und das in vielen Facetten. Motto: Uhrmacher ist vieles, aber nicht langweilig und retro. Das will er zeitgemäß herausstellen. Auch, weil seine Branche ein Generationenproblem habe. Philipp Nitzsche nennt es die „30 Jahre-Lücke“. Das bedeutet, auf der einen Seite existieren noch einige wenige Uhrmacher, die aber inzwischen meist weit jenseits der 50 wären. Danach käme dann rund drei Jahrzehnte kaum noch jemand. Erst seit einigen Jahren sei wieder mehr Interesse und damit auch Nachwuchs zu verzeichnen. Menschen in seinem Alter, beziehungsweise noch jünger.

Nitzsche fand in Berlin
keine Lehrstelle als Uhrmacher

Philipp Nitzsche musste wegen dieser „Lücke“ seine Ausbildung im sächsischen Glashütte machen, einem Zentrum der Uhrenindustrie. In Berlin fand er keine Lehrstelle. Warum er sich überhaupt diesen Beruf aussuchte, beantwortet Nitzsche mit seinem Faible für Historisches, für Dinge, die über die Zeit gerettet wurden. Deshalb interessieren ihn auch alte Schienenfahrzeuge, ein Job bei der S-Bahn wäre ebenfalls eine Idee gewesen. „Du wirst dort nicht glücklich“, riet ihm aber jemand ab, der den Betrieb von innen kannte. Anders ist es bei den Uhren. Das wird deutlich, wenn Philipp Nitzsche einige von ihnen präsentiert, sie auseinander nimmt und wieder zusammen baut, ihre Besonderheiten erklärt. Etwa bei einem Exemplar, dessen Zifferblatt nur ungefähr so groß ist, wie ein Ein-Cent-Stück. Solche und andere, teils seltene Zeitzeiger repariert er in seiner Wohnung, wo ein Zimmer zur Werkstatt umfunktioniert wurde. Seine Kundschaft sind Bekannte oder Menschen, die sein Angebot im Internet fanden.

Uhren haben noch immer
einen Wert für Menschen

Im Hauptberuf arbeitet Philipp Nitzsche bei einem Startup, das Armbanduhren kauft und verkauft. Alle werden dort geprüft und bei Bedarf repariert. Elf Uhrmacher und sechs Poliere arbeiten dort. Insgesamt 60 Leute. Darin zeigt sich, entgegen vieler Klischees, dass Menschen heute noch immer eine Uhr brauchen. Und das obwohl man auf jedem Smartphone ebenso die Zeit ablesen kann. Darum gehe es aber bei Uhren nicht allein, sondern auch um den ideellen Wert, meint Philipp Nitzsche. Da gäbe es zum Beispiel Sammler. Oder Leute, für die der Zeitmesser eine besondere Zierde, auch Statussymbol darstelle. „Manchmal der einzige Schmuck, den ein Mann heute noch trägt“. Und schließlich eine große Zahl von Menschen, für die eine Uhr manchmal seit Generationen zu ihrem Familienbesitz gehört und mit der eine Menge verbunden wird. Er hätte zum Beispiel schon mit einer Standuhr zu tun gehabt, die der Besitzer auf der Flucht bei Kriegsende bis nach Berlin geschleppt habe. Eine andere wies deutliche Brandspuren auf. Sie stammten von einem Bombenangriff.

Mit vielen Uhren sind
spannende Geschichten verbunden

Oder die Geschichte mit dem verklebten Zifferblatt. Philipp Nitzsche stellte fest, dass dafür Blutrückstände verantwortlich waren. Sachte fragte er den Besitzer, einen alten Mann, woher die kommen könnten? Der erzählte dann, dass die Uhr einem Kriegskameraden gehörte, der neben ihm in einem Lazarett gelegen habe und dort gestorben sei. Vor dem Tod habe er ihn gebeten, Briefe und Geld seiner Frau zukommen zu lassen. Wenn er das mache, könne er die Uhr behalten.

Diese Erzählungen verdeutlichen was Philipp Nitzsche meint, wenn er sagt, dass eine Uhr mehr ist, als ein Gerät zum Ermitteln von Stunde und Minute. Dass durch sie viel Historisches bis in die Gegenwart transportiert wird. Und gerade das ihn besonders fasziniert. Ebenso wie das Handwerk. Etwas wieder herzustellen und dann ein Ergebnis zu haben, wäre eine äußerst befriedigende Tätigkeit. Einige Zeit seien solche Fertigkeiten nicht besonders angesagt gewesen. Inzwischen habe sich das aber geändert.

Nitzsche berichtet auf Youtube,
Instagram und Spotify
über seine Leidenschaft

Um das alles möglichst vielen mitzuteilen, braucht es eine ansprechende interaktive Präsenz. Dafür lässt sich Philipp Nitzsche einiges einfallen. Auch in Sachen Netzwerkpflege. Bei einer seiner jüngsten Podcast-Produktionen befragte er Kolleginnen und Kollegen aus mehreren Ländern nach ihren Arbeitsbedingungen und Erfahrungen in Zeiten von Corona.

Natürlich würden diese Online-Aktivitäten ebenfalls einige Zeit beanspruchen, „zusammengerechnet gut einen Arbeitstag pro Woche“. Rund 2000 Aufrufe des Podcasts und etwa 1000 bei Youtube wären aber die Bestätigung dafür, dass er nicht im virtuellen Niemandsland unterwegs sei. Und zwischen Job und Passion gäbe es ohnehin keine Abgrenzung, sagt Nitzsche. Denn Uhrmacher, das sei für ihn „Hobby, Beruf, Berufung“.

Zur Website geht es unter www.uhrmachermeister-nitzsche.de.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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