Der Mann mit der Leiter lädt ein
Ein Stadtspaziergang durch Schillerpark und Schillerparksiedlung

Drei- und Viergeschosser mit 300 Genossenschaftswohnungen, erste Zeilenwohnblöcke Berlins, 1924 heftig angefeindet. Wegen der Flachdächer, aber wohl vor allem, weil erstmals solch moderne Bauten für Gewerkschafter errichtet wurden.
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  • Drei- und Viergeschosser mit 300 Genossenschaftswohnungen, erste Zeilenwohnblöcke Berlins, 1924 heftig angefeindet. Wegen der Flachdächer, aber wohl vor allem, weil erstmals solch moderne Bauten für Gewerkschafter errichtet wurden.
  • Foto: Bernd S. Meyer
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Zum Stadtspaziergang lade ich Sie in den Weddinger Schillerpark ein, wo seit nunmehr 80 Jahren eine Bronzekopie des Schillerdenkmals vom Gendarmenmarkt steht. Namensgeber Friedrich Schiller, der Dichter, Philosoph und Geschichtsprofessor in Jena, wurde am 10. November 1759 geboren, also vor 262 Jahren.

Als 1909, der Baubeginn des damals nördlichsten Volksparks Berlins mit seinem Namen verbunden wurde, hätte er wohl schallend gelacht. War doch 1859 in den Ländern deutscher Zunge sein 100. Geburtstag mit Märschen, Fackelzügen und patriotischen Reden gefeiert worden – die größten Festivitäten, die jemals ein Dichter bekam: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern …“ In Berlin verbot der Polizeipräsident aus Angst vor Unruhen einen Umzug, aber auf den Gendarmenmarkt kam ein Schillerdenkmal-Grundstein. Sogar Regent Wilhelm, der Kartätschenprinz von 1848/1849, späterer König und Kaiser, gab 10 000 Taler. Es folgten jahrelange Abgeordnetenhaus-Debatten, bis der Magistrat einen Wettbewerb ausschrieb. Den gewann Bildhauer Reinhold Begas.

Erst nach der Reichsgründung kam zum 112. Geburtstag des schwäbischen Klassikers sein Standbild vor das Königliche Schauspielhaus. Die Gendarmenmarkt-Mitte hieß bald „Schillerplatz“, die nötige Umgestaltung zog sich Jahrzehnte hin. Zu Schillers 150. war man dann viel schneller. 1912, nach nur drei Jahren war der Weddinger Volkspark fertig. Auf den Wurzelbergen war eine offene Landschaft mit lockeren Baumgruppen und kleinen Schlittenhängen entstanden. Der Schillerpark sollte zu Sport und Spiel in Sonne und frischer Luft anregen. Galten doch Weddings Mietskasernen als Orte von Elend und Krankheit. Der Park ist Gartendenkmal, selbst die Schülerwiese mit der 700 Meter langen und sieben Meter hohen Terrassenmauer und die kleinere Bürgerwiese im Nordwesten sind kaum verändert. Die Mauer macht als „Bastion“ auch einen militärischen Eindruck. Das sollte wohl an Budapests Fischerbastion auf der dortigen Budaer (Ofener) Seite erinnern.

Die querende Barfusstraße war Jahre zuvor nach dem kurmärkischen General Hans Albrecht Reichsgraf von Barfus benannt. Der hatte 1686 und 1691 in Ungarn die Osmanen bekämpft, zwischendurch noch die Stadt Bonn belagert und befreit. Nahebei sind Ofen- , Schöning- und Ungarnstraße.

Als 1936 die NS-Verwaltung den Gendarmenmarkt in Mitte zum gepflasterten Aufmarschplatz machte, sollte der marmorne Schiller in „seine“ Parkanlage verbracht werden, wurde beim Abbau beschädigt und beiseite geräumt. Im Kriegsjahr 1941 kam die Bronzekopie in den Park. Ihr Metall stammte vom Volkspark Rehberge, vom Gedenkbrunnen für Weddings berühmte AEG-Unternehmer Emil und Walter Rathenau, gehasst von den Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft und liberalen Gesinnung. Der Marmor-Schiller ist nach dem Krieg im Lietzenseepark aufgestellt worden, kam 1986 per Deutsch-Deutschem Kulturabkommen zurück nach Mitte. Komplettiert mit Sockel wie Musenfiguren steht er dort seit 1988 an alter Stelle.

An der Bristolstraße leuchten rote Weltkulturerbe-Klinkerfassaden aus dem Grün. Drei- und Viergeschosser mit 300 Genossenschaftswohnungen, erste Zeilenwohnblöcke Berlins, 1924 heftig angefeindet. Wegen der Flachdächer, aber wohl vor allem, weil erstmals solch moderne Bauten für Gewerkschafter errichtet wurden. Berlins späterer Baustadtrat Martin Wagner hatte nach der Inflation mit der Hauszinssteuer als Lastenausgleich den Wohnungsbau angekurbelt. Sechs seiner geplanten Berliner Siedlungen sind 2008 als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden. Das Architekturbüro Taut und Hoffmann hatte allein vier davon gebaut, ehe sowohl Wagner als auch Bruno Taut in die Emigration mussten. Ab 1950 ist die Siedlung wieder aufgebaut, erweitert worden. „Ich will hier keine Armeleutekunst“, soll Bruno Taut gesagt haben, und so ist manches aufwendiger als bei späteren Großsiedlungen, die seit den 1950er-Jahren in Berlin gebaut wurden.

Der Spaziergang beginnt am 20. November um 11 Uhr. Treffpunkt ist die Ecke Barfus- und Bristolstraße. Verkehrsverbindung: Bus 128 bis Bristolstraße. Übrigens wiederhole ich den Schillerpark-Spaziergang in meinem Programm „Meyers Stadtgänge“ am 27. November um 14 Uhr. Der Treffpunkt ist derselbe, die Teilnahme kostet sieben Euro. Anmeldungen dafür unter Tel. 442 32 31. Weitere Informationen auf www.stadtgaenge.de.

Die Führung ist für Leser der Berliner Woche kostenlos. Allerdings ist eine vorherige Anmeldung erforderlich: Am Dienstag, 16. November, in der Zeit von 10 bis 12 Uhr anrufen unter Tel. 887 27 71 00.

Autor:

Bernd S. Meyer aus Mitte

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