Showdown im Kinderzoo: Jugendstadträtin lässt Minifarm am 20. Juni 2016 räumen

Wann? 20.06.2016

Wo? Weddinger Kinderfarm, Luxemburger Str. 25, 13353 Berlin DE
Streitbarer Kämpfer für Kinderrechte: Kinderfarm-Chef Siggi Kühbauer will seinen Bauernhof nicht freiwillig verlassen. (Foto: Dirk Jericho)
 
Jugendstadträtin Sabine Smentek lässt die beliebte Kinderfarm Wedding räumen. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Weddinger Kinderfarm |

Wedding. Am 20. Juni vormittags, „wenn die Kinder in der Schule sind“, so Jugendstadträtin Sabine Smentek (SPD), lässt das Bezirksamt die beliebte Weddinger Kinderfarm an der Luxemburger Straße räumen.

Mitten im Wahljahr riskiert die SPD-Politikerin unschöne Fotos. Um den Leiter der Kinderfarm und seine zahlreichen Unterstützer vom Gelände zu bekommen, werden Polizisten wohl Hand anlegen müssen. Siggi Kühbauer, seit über drei Jahrzehnten Kinderfarm-Chef mit Herz und Seele, wird sein Lebenswerk nicht freiwillig hergeben. „Wir leisten auf jeden Fall Widerstand“, sagt Kühbauer, der Smenteks Räumungsankündigung ausgerechnet am UN-Weltflüchtlingstag „peinlich“ findet. Er will zum Räumungstermin „Menschen einladen, die von Krieg und Vertreibung betroffen waren und sind“.

„Fürchterlicher Zustand“

Sabine Smentek hat angekündigt, den „fürchterlichen Zustand“ jetzt zu beenden. Auf die Frage, ob das bedeutet, notfalls mit Hilfe von polizeilicher Gewalt gegen die Kinderfarm-Aktivisten und Unterstützer des Jugendprojektes vorzugehen, sagte sie: „Wir werden unsere Rechtsposition umsetzen.“

Wie berichtet, hatte das Jugendamt Ende März 2015 dem Verein Weddinger Kinderfarm als Träger des Minitierparks gekündigt und jegliche Förderung eingestellt. Der Verein soll seit 2013 trotz mehrfacher Fristverlängerungen die erhaltenen Fördergelder nicht korrekt abgerechnet haben. Er wurde deshalb aufgefordert, das Gelände zu Ende April 2015 zu verlassen. Seit Februar hat Smentek einen Räumungstitel, den sie jetzt vollstrecken lässt, obwohl über eine Berufung des Vereins noch nicht entschieden wurde. Kühbauer macht seit einem Jahr mit privaten Krediten und Spenden weiter. Die etwa 60 Ziegen, Ponys und Enten werden weiter versorgt; Kinder kommen nach wie vor gern auf die Farm.

Eine Frage des Geldes

Die Arbeit für Weddings Kinder dokumentiert Kühbauer jetzt akribisch. Laut Kühbauer habe der Bezirk von April 2015 bis März 2016 vom Senat dafür 418 000 Euro Zuweisung erhalten; das Geld hat der Bezirk woanders ausgegeben. Kühbauer sieht sich im Recht. Seit Jahren protestiert er gegen die gesetzeswidrige Unterfinanzierung der Kinder- und Jugendarbeit. Die Gebäude und Ställe gehörten seiner Auffassung nach dem Verein. Dass der Bezirk die Farm räumt, ist für Kühbauer "Enteignung".

Smentek will den alten Träger loswerden, „um endlich ein qualitätsgesichertes Angebot auf der Kinderfarm zu machen“. Ob die Arbeit, die Kühbauer weiter leistet, nicht qualitativ ist? „Können wir nicht überprüfen“, so Smentek. Ein vom Jugendhilfeausschuss im vergangenen Jahr ausgewählter neuer Träger soll die Farm weiterführen. Gegründet wurde der Verein Kinderbunter Bauernhof von zwei Ex-Mitarbeitern des Weddinger Kinderfarm e.V., die Kühbauers Sturz per anonymen Schreiben eingeleitet hatten. Wie Smentek sagt, seien die Neuen derzeit mit Angeboten für Kinder und Jugendliche im Haus der Jugend und auf der Straße unterwegs. Geld bekommen sie auch schon. Von Kühbauer verlangt das Amt zirka 160 000 Euro zurück, die das Jugendamt 2013 den Kinderfarm-Betreibern überwiesen hat. Gegen den Rückforderungsbescheid läuft aber ein Widerspruch.

Unstrittig ist, dass das gesamte Inventar und die Tiere dem alten Träger gehören, den Smentek am 20. Juni per Gerichtsvollzieher räumen lässt. Was das für die Tiere bedeutet, ist unklar. „Der Träger hat eine vierwöchige Frist, sein Eigentum abzuholen“, so Smentek. Danach könne der Bezirk die Tiere „verwerten“. Wie, wollte die Stadträtin nicht sagen. Ihr Mitarbeiter verwies auf der Pressekonferenz darauf, dass die Tiere schon alt seien. Smentek will am Tag der Räumung nicht vor Ort sein. Ein Tierarzt ist aber dabei. Mit einem Schreiben an Eltern, Schulen, Kitas und das Kiezplenum Sparrplatz hat Smentek über die bevorstehende Räumung der Kinderfarm informiert und um Verständnis für die damit verbundenen Einschränkungen sowie die Unterstützung des neuen Trägers gebeten. DJ
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