Auf Wissenschaftsareal entsteht neuartiges Teleskop

Das Gestell für die Anlage ist bereits montiert. (Foto: Ralf Drescher)

Adlershof. Ein rotes Gestell am Ernst-Ruska-Ufer zieht seit ein paar Wochen die Blicke der Vorbeifahrenden an. Ein Bauschild verkündet dort die Errichtung des "Cherenkov Telescope Arry".

Ein Teleskop im Sinne eines Fernrohrs, wie es viele Berliner von der Archenhold-Sternwarte kennen, ist das im Bau befindliche Gerät jedoch nicht. Eher eine Art Radioteleskop, mit dem Strahlung aus dem All beobachtet werden soll. "Das ist der Prototyp für eine geplante Anlage mit 100 Teleskopen, mit der wir das sogenannte Cherenkov-Licht beobachten wollen. Das entsteht, wenn Gammastrahlen in rund 80 Kilometern Höhe auf Luftschichten treffen", sagt Projektleiter Dr. Stefan Schlenstedt, Physiker und Mitarbeiter beim Deutschen Elektronen Synchrotron (Desy) der Helmholtz-Gemeinschaft in Zeuthen. Die Gammastrahlung stammt aus dem All, sie wird unter anderem durch Supernova-Explosionen ausgelöst. "Das Universum ist voller natürlicher Teilchenbeschleuniger", meint Christian Stegmann, Leiter bei Desy Zeuthen. Das bereits sichtbare Gestell in Adlershof wird bald 84 spezielle Spiegel mit einer Gesamtfläche von 100 Quadratmetern tragen. Geforscht werden soll damit allerdings nicht. Die Anlage - Gesamtkosten rund 500 000 Euro - dient nur als mechanischer Prototyp für den Bau der für das Forschungsvorhaben benötigten 100 Teleskope, die einmal auf einer Fläche von dreimal drei Kilometern die Gesamtanlage ergeben. Geprüft werden sollen in Adlershof unter anderem die mechanische Stabilität der Anlage, das Verhalten bei starkem Wind oder Temperaturänderungen. Ab 2015 soll dann die richtigen Cherenkov-Teleskope aufgebaut werden. "Über den Standort wird 2014 entschieden. Unter anderem werden Flächen in Chile, Namibia, den USA und auf den Kanarischen Inseln geprüft", erzählt Projektleiter Schlenstedt. Wichtig sind Flächen, auf denen kein künstliches Licht von Städten oder Straßen die Beobachtung stört.

Benannt ist das Teleskopsystem nach dem sowjetisch-russischen Physiker Pawel Tscherenkow (1904-1990). Er hatte bereits 1934 beobachtet, dass Uransalze in Schwefelsäure ein blaues Licht abgeben. Heute ist bekannt, dass dafür schnelle Elektronen verantwortlich sind. Zu sehen ist Cherenkov-Licht auch in den Abklingbecken von Atomkraftwerken.

Vor gut einem halben Jahrhundert gab es in Adlershof bereits ein Radioteleskop des Heinrich-Hertz-Instituts der Akademie der Wissenschaften. Mit dem 1958 aufgebauten 36-Meter-Spiegel, der sogar vom S-Bahnhof Adlershof aus zu sehen war, wurden natürliche Radiowellen aus dem All aufgefangen. Irgendwann in den 70er Jahren wurde der Spiegel abgebaut.

Dieses Schicksal soll dem Cherenkov Telescope allerdings erspart bleiben. Nach Beendigung der Tests wird der Prototyp am Ernst-Ruska-Ufer zwar abgebaut, soll aber dann am Adlershofer Standort dauerhaft zur Erinnerung an den Einstieg in neue Forschungsmethoden einen Platz finden.


Ralf Drescher / RD
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