Buch mit fast vergessenen Fotos von Berlin um 1950

So sah die Ecke Potsdamer und Bülowstraße Anfang der 50er-Jahre aus. (Foto: Hahn)

Friedenau. Über 60 Jahre lang schlummerten die Negative und Kontaktbögen des heute 86-jährigen Ernst Hahn in einer Blechbüchse - nun sind sie erstmals zu sehen. Der Verlag "edition Friedenauer Brücke" stellte kürzlich einen Fotoband mit 280 der so lange vergessenen Bilder vor.

Die Aufnahmen, die der damals 23-jährige Fotostudent Ernst Hahn in den Jahren 1950 und 1951 in den Straßen Berlins machte, zeigen eine Zeit, die geprägt ist sowohl vom Davor als vom Danach. Die inzwischen sauber von den Trümmern des Krieges leergeräumten Flächen zeugen eindrucksvoll und verstörend vom verheerenden Ausmaß der alliierten Bombenangriffe auf die deutsche Hauptstadt. Sie machen aber auch deutlich, dass das Leben fünf beziehungsweise sechs Jahre nach Kriegsende langsam wieder zurückkehrte. Mitten in den zerstörten Straßenzügen von Moabit freuen sich die Kinder über einen Rummel. Auf dem Kurfürstendamm schlendern die fein herausgeputzten Bürgern optimistisch einer besseren Zukunft entgegen. Straßenhändler in ansonsten zerstörten Geschäftsstraßen scheinen zu verkünden, dass schon bald alles besser wird. Die Jahre 1950 und 1951 erscheinen in den Fotografien von Ernst Hahn als Dokument eines Nullpunkts. Die größten Schrecken liegen hinter uns, ab jetzt kann es nur noch bergauf gehen.

Der damalige Fotostudent war in den Osterferien der beiden Jahre jeweils als Besucher aus Zürich nach Berlin gekommen, das er 1944 wegen einer Tuberkulose-Erkrankung in Richtung Kur in der Schweiz verlassen hatte. Nur so entging er dem Los seiner Altersgenossen, vom "Führer" in den letzten Kriegsmonaten noch verheizt zu werden. Nach seiner Genesung konnte er schließlich das Fotostudium an der Kunstgewerbeschule Zürich beginnen. Die Aufnahmen von Berlin entstanden quasi als Hausaufgabe in den Osterferien.

Als die Friedenauer Verleger Evelyn Weissberg und Hermann Ebling die Bilder schließlich im vergangenen Sommer zufällig in die Hände kamen, musste sie ihn deshalb auch erst zur Veröffentlichung überreden. "Das sind doch nur Jugendsünden", habe Hahn, der heute in Wilmersdorf lebt, zu Weissberg gesagt.

Die Bilder jetzt im Buch veröffentlicht zu haben, sei, so die Verlegerin bei der Präsentation in Richtung des heute 86-Jährigen, "der Beweis dafür, dass es sich doch um etwas ganz besonderes handelt". Eine erste Reaktion auf das Buch habe Weissberg von einem älteren Herrn bekommen, der die Zeit in Berlin erlebt hat. In einem Brief habe er geschrieben, dass er die "geschundene Architektur und die geschlagenen Berliner" in den Aufnahmen "wieder lebend" gesehen habe. Eben in einer Zeit des Davor und Danach.

Der Bildband "Berlin um 1950. Fotografien von Ernst Hahn" mit 280 Aufnahmen mit einführenden Texten von Hermann Ebling ist für 39 Euro im Buchhandel erhältlich.

Ralf Liptau / flip
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