Schmierereien überschatten Gedenkfeier

Drei der rund 80 beschmierten Stolpersteine in der Handjerystraße und angrenzenden Straßen. (Foto: pv)

Friedenau. Berta, Hanna, Herbert und Max Ert, Fritz und Mary Koppel, Helen, Hildegard, Ismar, Jack und Zilla Kruschke, Alice, Bruno und Elsbeth Pasch, Else und Walter Silberstein, Emma Bachrach, Emma Brauer, Berta van Damm, Malwine Steiner, Helene Windmueller: Sie waren Nachbarn. Zwischen 1942 und 1944 wurden sie von den Nazis deportiert und ermordet.

Die 2012 gegründete Initiative "Stolpersteine in der Handjerystraße" hat für 15 ihrer jüdischen Nachbarn Stolpersteine und für das einst auf dem heutigen Grundstück 19-20a beheimatete evangelische Gossner-Missionswerk als Teil des kirchlichen Widerstands eine Stolperschwelle verlegen lassen. Fünf weitere Steine sind bereits verlegt, zwei andere befinden sich in Wilmersdorf. Die Friedrich-Bergius-Schule hat für die Steine in der Handjerystraße die Patenschaft übernommen. Am 10. Juni fand zur Verlegung in der Mensa der Schule eine Gedenkfeier statt. Sie wurde jedoch überschattet von der Beschmierung und Schändung mehrerer Stolpersteine in der Woche zuvor. Nach Angaben der Initiative wurden 80 der kleinen Bodendenkmäler in der Handjerystraße, der Frege-, Stier- und Wilhelm-Hauff-Straße mit schwarzem Lack verunstaltet. Die Polizei spricht von mindestens 55 geschändeten Stolpersteinen. Bereits im Mai hatte es zudem eine Attacke gegen Petra F. gegeben. Ihre Wohnungstür wurde mit antisemitischen Parolen beschmiert. In ihrem Briefkasten waren Böller deponiert. Die 62-Jährige engagiert sich in der Initiative "Stolpersteine Friedenau".

Flérida Regueira Cortizo von der Initiative "Stolpersteine in der Handjerystraße" sagte an die Adresse der Täter: "Sie mögen nachts ihrem kriminellen und feigen Tun nachgehen. Am nächsten Tag wird es genügend Bürger geben, die die beschmierten Steine von den Besudelungen reinigen." Antisemitismus, Rassismus und jede Art von Intoleranz hätten in dieser Gesellschaft keinen Platz.

Während der Gesandte des Staates Israel, Emmanuel Nahshon, sich davon überzeugt äußerte, dass die deutsche Bevölkerung "alles in ihrer Macht Stehende tun" werde, um die Täter zu fassen, zu bestrafen und in Zukunft solche Schändungen zu verhindern, sprach der Friedenauer Rabbiner Daniel Alter von "großem Zorn und grenzenloser Wut" angesichts eines offenen und latenten Antisemitismus.

Die Stolpersteine seien Zeichen für ein tolerantes, demokratisches und weltoffenes Berlin, einen ebensolchen Staat und eine ebensolche Gesellschaft. "Wir werden uns nicht durch Drohungen, Beschimpfungen von unserem Weg abbringen lassen. Wir werden nicht damit aufhören, den Opfern des damaligen Unrechts zu gedenken", so Alter.

Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) war tief betroffen von den Vorkommnissen in Friedenau. Gerade die Attacke gegen Petra F. zeige eine neue Qualität von Gewalt. Sie mache einzelne Personen zur Zielscheibe, die sich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus engagieren. "Es war wichtig, dass wir ganz schnell die Spuren in der Stierstraße beseitigt haben", so Kolat.

Zur Gedenkfeier waren auch Verwandte der Opfer aus Israel und Italien gekommen. Nurith Ashkenazi aus Jerusalem, eine Verwandte der Familie Ert, ist zum ersten Mal in Deutschland. Sie erzählte vom "ganz normalen" Leben ihrer ermordeten Angehörigen. Die Männer spielten gern Fußball und tranken ein Bier. Die Frauen schmiedeten Zukunftspläne für ihre Kinder.

Für Michael Rudolph, Leiter der Friedrich-Bergius-Schule, sind Stolpersteine von allen Mahnmalen die wichtigsten und wirkungsvollsten. Sie erinnerten den gehetzten Passanten und den genussvollen Flaneur an die Opfer, die - ausgestoßen aus ihrem Beruf, ihres Eigentums beraubt, aus den Wohnungen vertrieben, geächtet und schließlich um Gesundheit, Freiheit und Leben gebracht - Nachbarn gewesen seien.

Ende 2012 gab es deutschlandweit 35 000 Stolpersteine in 650 Städten und Gemeinden. In Berlin wurden bisher 5000 verlegt.


Karen Noetzel / KEN
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