Haselhorster Ehepaar Bachnik feiert seltenes Jubiläum: die Gnadenhochzeit

Es begann mit einem Techtelmechtel in ihrem Elternhaus in der Uckermark – inzwischen sind Helmut und Annemarie Bachnik seit 70 Jahren verheiratet. (Foto: Berit Müller)
 
Helmut und Annemarie Bachnik aus Haselhorst feiern am 22. 2. das Jubiläum der Gnadenhochzeit. (Foto: Berit Müller)

Haselhorst. Bitterkalt war der Nachkriegswinter 1947. Die Berliner froren, zu essen gab’s wenig. Helmut und Annemarie Bachnik schafften es dennoch, ihre Hochzeitsgäste zu bewirten. Das ist nun beinahe 70 Jahre her. Am 22. Februar feiern die Eheleute aus Haselhorst das Jubiläum der Gnadenhochzeit.

Der 22.2. als Hochzeitsdatum – war’s ein Zufall oder Absicht? „Ach was“, antwortet Annemarie Bachnik und guckt dabei ein bisschen verständnislos. „Geheiratet werden musste. Da nahm keiner Rücksicht auf Sonderwünsche.“

Helmut und Annemarie Bachnik sitzen auf dem Sofa in ihrer Wohnstube. Zweieinhalb Zimmer am Gorgasring nennt das Ehepaar sein Zuhause. Seit 1961 inzwischen. Sie ist Jahrgang 1926, er zählt 96 Lenze. Er kam in Spandau zur Welt, als die Havelgemeinde noch gar nicht zu Berlin gehörte. Darauf ist er stolz. Sie wuchs als Tochter eines Dorfschmieds in der Uckermark auf – wo sich beide 1946 kennenlernten. Weil er in der Nähe von Pinnow als Landvermesser beschäftigt war, suchte er eine Bleibe. Das Gesellenstübchen unterm Dach der Schmiede war grad zufällig frei. Also zog er ein. Zwei Etagen tiefer schlief das junge Mädchen, neben dem Zimmer der Eltern. „Ich wusste schon bald genau, welche Treppenstufen knarren“, erzählt er und grinst. So habe das „Techtelmechtel“ eben begonnen, sagt sie.

Es gab sogar Kuchen mit Sirup

Geheiratet wurde in Pinnow. Das halbe Dorf feierte mit, auch die Berliner Verwandtschaft reiste an. Ordentlich satt essen sollten sich alle – da war das Brautpaar einig. „Auf dem Land gab’s ja doch ein bisschen mehr als in der Stadt, wir hatten damals eigene Hühner, Gänse und Ziegen“, erinnert sich Annemarie Bachnik. „Außerdem hat die Dorfgemeinschaft zusammengelegt.“ So landeten auf der Hochzeitstafel reichliche Mengen an Braten, Speck, Kartoffeln, sogar Kuchen mit Sirup. Am Festmahl labten sich vor allem die ausgehungerten Großstädter. Nach dem Schmaus tanzte die Gesellschaft bis in die Frühe; die Braut trug ein hübsches, spitzenbesetztes Kleid. Den Jubilaren blieb von allem nur die Erinnerung. „Wir haben leider kein einziges Foto von unserer Hochzeit“.

Im März 1947 zog das junge Paar in die Spandauer Zimmerstraße – zur Untermiete. Dort kam ein Jahr später Sohn Lutz zur Welt. Die erste eigene Wohnung lag in der Neue Bergstraße und hatte ein Außenklo, das im Winter meistens zugefroren war. Wäsche wuschen die Frauen im Hof. „Es war trotzdem eine schöne Zeit“, sagt Annemarie Bachnik. Zweimal noch zog die Familie um: erst in die Fehrbelliner Straße, dann an den Gorgasring. Hauptsache Havelstadt.

Immer Spandau - "Warum hätten wir woanders wohnen sollen?"

Die Wände der kleinen Haselhorster Wohnung schmücken Aquarellbilder mit Spandau-Ansichten: Zitadelle, Lindenufer, eine Straßenbahn in der Carl-Schurz-Straße, die Nikolaikirche mit Reformationsplatz. „Wir haben die Altstadt, all das Wasser und so viel Grün. Warum hätten wir woanders hinziehen sollen?“ In der Frage klingt – erneut – ein verwundertes Kopfschütteln mit.

Ein eigenes Auto besaßen sie nie. Nicht mal einen Führerschein. „Wir sind eben mit der Tram gefahren und gelaufen.“ Zu Fuß oder mit den Öffentlichen gelangten beide zur Arbeit, sie zu einer Bäckerei in der Altstadt, später stand sie am Fließband eines Spandauer Autoteileherstellers. Er konnte den Beruf des Landvermessers wegen einer Kriegsverletzung nicht lange ausüben und landete bei Siemens.

Die Freizeit im Hause Bachnik dominierte der Sport. Leidenschaftlich gern spielte er Handball, nach der aktiven Zeit gab er den Schiedsrichter. Bis ins hohe Alter. Die zweite Passion galt dem Kegeln. Fast immer hatte er den Filius im Schlepptau, ob beim Handballspiel oder auf der Asphaltbahn. Die Ehefrau und Mutter kümmerte sich dann um Berge von Wäsche, wenn beide verschwitzt und erschöpft nach Hause kamen. Und tischte Lieblingsgerichte auf. Beklagt hat sie sich darüber nicht. „Es war eine schöne Zeit“, wiederholt sie ein paar Mal.

"Ich wollte mich manches Mal scheiden lassen"

Wie lautet es denn nun, das Erfolgsrezept für eine 70 Jahre währende, glückliche Ehe? „Och“, sagt sie. „Er ist Stier, ich bin Steinbock, bei zwei Hörnertieren hat es schon öfter mal gekracht. Manches Mal wollte ich mich scheiden lassen.“ Letztlich habe man sich aber doch immer wieder zusammengerauft. Übers hohe Alter zeigen sich beide verwundert. „Wir sind die ersten in unseren Familien, die so alt werden.“

Ganz spurlos sind die Jahre auch an ihnen nicht vorübergegangen. Seit einem schweren Sturz kurz nach seinem 90. Geburtstag, und weil er an Diabetes leidet, kommt für ihn einmal am Tag der Pflegedienst. Auch der Sohn und die drei Enkelkinder schauen vorbei, wann immer es die Zeit erlaubt. Sie steht noch jeden Tag in der Küche und kocht – frisch oder selbst Vorbereitetes aus der Tiefkühltruhe. „Fertiggerichte kommen mir nicht auf den Tisch. Das Kochen ist meine Leidenschaft, das mache ich solange es irgendwie geht.“

Silberne, Goldene und Diamantene Hochzeit, die runden Geburtstage – alle Jubiläen hat das Ehepaar mit viel Brimborium gefeiert. Die Gnadenhochzeit will es etwas ruhiger angehen, im kleinen Kreis bei Kaffee und Kuchen. Mit ein paar Nachbarn und der Familie. Und um 14.30 Uhr kommt der Spandauer Bürgermeister zum Gratulieren. bm
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