150 Menschen vertreiben Gerichtsvollzieherin

Kreuzberg. Ein Menschenauflauf hat am 22. Oktober dafür gesorgt, dass die vorgesehene Zwangsräumung der Familie Gülbol in der Lausitzer Straße 8 nicht vollzogen werden konnte.

Rund 150 Menschen versammelten sich am Morgen vor dem Haus, blockierten die Tür und das Treppenhaus. Für die Gerichtsvollzieherin gab es kein Durchkommen. Begleitet von Sprechchören ("Ob Ali oder Kalle, wir bleiben alle") musste sie wieder abziehen. Danach zogen rund 30 Aktivisten in das Büro des Eigentümers André Franell (Franell Consulting) in Wilmersdorf. Malermeister Ali Gülbol (41) lebt seit mehr als 30 Jahren in der Lausitzer Straße 8. Seine Eltern wohnen im Hinterhaus, Mit seiner Familie, Ehefrau Necmiye, die als Kindergärtnerin arbeitet, und den drei Kindern, zog er 1999 ins Vordergebäude. Da die Wohnung stark sanierungsbedürftig war, hatte Ali Gülbol mit dem damaligen Eigentümer vereinbart, dass er sie umbaut und modernisiert, dafür aber so lange keine Mieterhöhung bekommt, bis die Kosten bezahlt sind. Das funktionierte, bis André Franell 2006 die Immobilie erwarb. Der wollte von dieser Abmachung nichts wissen. Weil sie nur mündlich vereinbart worden war, bekam er vor Gericht recht. Gülbol wurde aufgefordert, die rückständigen Mieterhöhungen zu bezahlen. Das tat er auch, aber erst nach der gesetzten Frist von zwei Monaten. Das Versäumnis berechtigte den Eigentümer zu einer sofortigen Kündigung.

Im August sollte die Familie eigentlich die Schlüssel ihrer Wohnung abgeben und ausziehen. Sie hat diesen Termin verstreichen lassen. Deshalb kam es zur vorgesehenen Zwangsräumung am 22. Oktober und dem Protestauflauf. Wie geht es jetzt weiter? Wahrscheinlich wird die Gerichsvollzieherin in den nächsten Wochen erneut auftauchen. Eventuell begleitet von einem Polizeiaufgebot. Die Unterstützer der Gülbols kündigten gleichzeitig an, dass sie sich weiter dagegen zur Wehr setzen werden.

"Dieser Fall ist nur ein Beispiel für die vielen Zwangsräumungen, die es inzwischen in Berlin und gerade auch im Bereich Kreuzberg gibt", sagt Petra Wojciechowski vom Kreuzberger Stadtteilzentrum, das sich ebenfalls in der Lausitzer Straße 8 befindet. "Der Unterschied ist nur, das sie hier zu starkem öffentlichen Protest führten"


Thomas Frey / tf
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