Interview mit dem Suchtexperten Tilman Wetterling

Tilman Wetterling. (Foto: Vivantes)

Biesdorf. Alkoholsucht ist im Bezirk ein besonders drängendes Problem. Über die Gründe und die Bekämpfung der Sucht sprach Berliner-Woche-Reporter Harald Ritter mit dem Chefarzt der Klinik, Prof. Dr. med. Tilman Wetterling.

Herr Wetterling, was ist die Aufgabe Ihrer Klinik?

Tilman Wetterling: Wir nehmen hier Menschen auf, die unter einem akuten Alkoholproblem leiden. Wir führen die sogenannte Entgiftung durch, die erste Stufe des Alkoholentzugs. Das dauert ungefähr eine Woche. Danach folgt eine etwa einwöchige Motivationsphase mit dem Ziel, die Alkoholiker für eine weitere Therapie zu motivieren, zu der wir sie weiterleiten können.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsrate?

Tilman Wetterling: Wir sind dafür zuständig, dass der Entzug ohne zusätzliche gesundheitliche Probleme erfolgt. In jedem Jahr haben wir zwischen 1200 bis 1400 Fälle in Behandlung. Das sind rund 800 bis 900 Patienten.

Heißt das, dass Alkoholiker mehrmals zu Ihnen kommen?

Tilman Wetterling: Das ist tatsächlich die Regel. Nach dem Entzug geht ungefähr jeder Dritte zur weiteren Therapie. Rund 90 Prozent davon können wir zur Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Wuhletal gGmbH nach Alt-Marzahn weiterleiten. Der Aufenthalt in den Therapiegruppen dauert zwölf bis 14 Wochen.

Wo kommen die Menschen her?

Tilman Wetterling: Zu 90 Prozent aus Marzahn-Hellersdorf.

Hat der Bezirk ein besonderes Alkoholproblem?

Tilman Wetterling: So wie alle anderen Ostbezirke. In der DDR wurde mehr getrunken als im Westen. Der Zuzug von Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion hat diese Problematik noch verschärft. Im Westen wurden und werden dagegen mehr illegale Drogen genommen. Die Tendenz geht hier leider zu einer Angleichung.

Ab wann ist ein Mensch Alkoholiker?

Tilman Wetterling: Nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation stellen bei Frauen mehr als zwei Gläser Wein, Spirituosen oder Bier und bei Männern mehr als drei durchschnittlich am Tag ein gesundheitliches Risiko dar. Ein deutliches Zeichen für Alkoholismus ist das nicht beherrschbare Verlangen nach Alkohol, sind Entzugserscheinungen wie zittrige Hände.

Die Linke und die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung wollen auf bezirkseigenen Flächen Werbung für Alkohol und Tabak verbieten. Ist das ein Weg?

Tilman Wetterling: Da bleiben noch viele andere Werbeflächen und die langen Alkoholregale in den Supermärkten. Ich halte mehr davon, das Alter für den Kauf von Alkohol, auch Bier und Alcopops, auf 21 Jahre heraufzusetzen, wie in einigen Staaten der USA. Vor allem müsste der Verkauf von Alkohol an Jugendliche stärker kontrolliert werden. Der frühe Einstieg in den Konsum von Alkohol ist ein großes Problem.

Das nächste Suchtforum des Bezirks findet zum Thema Alkoholentzug am Mittwoch, 26. Februar, von 14 bis 16 Uhr im Vivantes Klinikum Hellersdorf für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Brebacher Weg 15, Haus 41, 6. Etage, Raum 6.03 statt. Aufgrund des begrenzten Platzangebotes wird um Anmeldung per E-Mail an ove.fischer@ba-mh.verwalt-berlin.de gebeten.

Harald Ritter / hari
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