Nach dem Umbau: Alter Hotelsaal erstrahlt in neuem Glanz

Friedenau. Matthias Strobl staunte nicht schlecht, als er die abgehängten Decken in der früheren Aldi-Filiale in der Rheinstraße 60 entfernen ließ. Zu Tage trat die alte Stuckornamentik. Ein vergessenes Stück Friedenauer Baugeschichte ist wieder entdeckt worden.

Nach über vier Jahrzehnten war Aldi am 1. Juni ausgezogen. Die Geschäftsräume übernahm die Bio-Supermarktkette "denn’s", ein Tochterunternehmen der oberfränkischen dennree-Gruppe, und machte sich an den Umbau.

"Das war eine Überraschung", erzählt Bauleiter Strobl. In 3,50 Meter Höhe sei eine sogenannte Rasterdecke und in fünf Meter Höhe eine weitere Decke, eine Akustikdecke, eingezogen gewesen. Darüber kamen imposante Gesime, Friese, Kapitelle, Wandsäulen und -pfeiler im Stil des Historismus zum Vorschein - und an der Ostseite zugemauerte Rundbogenfenster. Sie sind wieder offen. In einem Seitenbereich entdeckte Matthias Strobl noch eine alte Holztreppe mit einem schmiedeeisernen Geländer aus feinem Blatt- und Rankwerk.

Jenny Rook, Marketingleiterin des Bio-Vollsortimenters, forschte nach der Geschichte des Hauses und wurde fündig. "Das Haus wurde um 1890 gebaut." Errichtet wurde es an der vormaligen "Provinzialchaussee Berlin-Potsdam" als "Hôtel Rheinschloss, Restaurant und Weinstube". Der heutige Hof, der jetzt Kundenparkplatz wird, diente als Biergarten. Inhaber war ein gewisser H. Hoffmann. Jenny Rook vermutet, dass der nun wiederhergestellte, über acht Meter hohe Saal einmal ein Ballsaal war. Die Marketingleiterin kann auch alte Fotos zeigen, von der Fassade sowie vom kleinen Restaurant und der Weinstube des Hotels. Sie sollen in vergrößertem Format in der künftigen Biomarkt-Filiale zu sehen sein. Zur Verfügung gestellt hat sie die Friedenauer Grafikerin und Verlegerin Evelyn Weissberg.

1912 wurde das Hotel zu einem der ersten Berliner Tonfilm-Kinos und in den oberen Geschossen zu Wohnungen umgebaut. Die "Rheinschloss-Lichtspiele" existierten bis 1975, meint Jenny Rook. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte es Gertrud Borghard aus Lichterfelde-West. Das Kino hatte 488 Plätze. Unter der Woche gab es zwei, am Wochenende drei Vorstellungen. Der Projektor war ein bewährter Ernemann VIIB. Wo er stand, weiß Bauleiter Matthias Strobl auch. Die kleine Treppe führte zu einem Zwischengeschoss und zum Vorführraum. Der Biomarkt hat dort die Mitarbeiter-Toiletten eingebaut.

Der Umbau komme durch den architektonischen Fund natürlich erheblich teurer als erwartet, sagt Bauleiter Matthias Strobl. Aber das Unternehmen setze auf den Wohlfühl-Effekt beim Einkaufen, so Jenny Rook. Und so plant "denn’s", als besonderen Akzent für den Riesenraum einen Kronleuchter aufzuhängen.

Zu besichtigen ist alles ab 25. September, wenn die 22. Berliner Filiale mit einer Verkaufsfläche von 640 Quadratmetern und 15 neuen Mitarbeitern um 8 Uhr früh öffnet.


Karen Noetzel / KEN
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