Ein Käfer namens Anni

  Berlin: Gemeindezentrum Schmöckwitz |

Wolfgang Foth fährt seit über 40 Jahren einen orangefarbenen Käfer. Er liebt sein Auto, dem er den Spitznamen Anni gegeben hat. Anni bietet keinen Luxus. Aber sie sieht gut aus und tut, was sie soll: fahren. Und das, findet Foth, soll sie noch lange.

Nein, ein modernes Auto ist das nicht: Es hat keine Klimaanlage, keine Servolenkung und keine Airbags. Es schnurrt auch nicht wie ein Kätzchen, wenn man den Motor anlässt, und federt Straßenunebenheiten nicht elegant ab. Aber das ist für den Besitzer kein Problem. Denn Wolfgang Foth liebt seinen VW Käfer über alles – und das schon seit über 40 Jahren, als er ihn bei einem Händler in der Müllerstraße im Wedding am 17. Januar 1978 für 4.500 DM abkaufte. gekauft. Allein das Orange der Karosserie begeistert ihn jedes Mal neu. Orange – wer hat das heute schon!
„Das A auf dem Nummernschild steht für Anni“, erklärt Foth. „Sie hat mich noch nie im Stich gelassen – sie ist für mich eine echte Freundin, auf die ich mich verlassen kann.“ Für diese unerschütterliche Treue dankt er ihr durch ordentliche Pflege: In der Garage seines Häuschens im Treptower Stadtteil Schmöckwitz steht Anni geschützt vor Regen, Schnee und Sonne. Und die Wildschweine, die ab und zu den anbei gelegenen Wald durchpflügen, hält ein Doppeltstabmaschenzahn fern. Foth: „Da kommt nicht einmal ein Elch durch.“
Foth liebt Autos. 1962 kaufte er sich bei einem Händler in Kreuzberg seinen ersten Wagen: einen Lloyd LP 400, für den er sich sogar von seiner Zündapp Super Combinette trennte und sie in Zahlung gab. Danach fuhr einen Deka Kombi, der wie der Lloyd außen zum Teil mit Kunstholz bespannt war, gefolgt von einem Renault Dauphin – ein Langhuber – mit 3-Gang-Schaltung. Es folgten zwei Renaults R16 – „ein tolles Reiseauto“, schwärmt Foth auch heute noch – und ein roter Škoda 1000 MB. Aber dann fanden er und seine Anni zusammen.
Annis Besitzer ist ein echter Weddinger Bub – der schon im Sandkasten seine spätere Frau Brigitte kennenlernte. Zuerst einmal verlor er sie zwar aus den Augen, aber er fand sie wieder und heiratete sie. Während er seine letzten zwanzig Berufsjahre am Flughafen Tempelhof arbeitete, wo er als Chef von acht Mitarbeitern für die Pflege der Grünanlagen, das Transportwesen und die Innenreinigung zuständig war, war seine Frau Krankenschwester im Paul-Gerhard-Stift und im Lazarus-Stift im Wedding. Den Flughafen Tempelhof kennt Foth durch seine Arbeit wie seine Westentasche.
Geboren und aufgewachsen im Wedding, wagte Foth mit seiner Frau aber doch einen großen Schritt – nach Moabit, wo das paar lange in einer ehemaligen Offizierswohnung in der Stephanstraße lebte. Nach dem Einzug sanierten sie über einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren fachmännisch ihre Wohnung. 1996 nahm er, 58-jährig, das Angebot an, in den Vorruhestand zu gehen. Just zu dieser Zeit erbten die Foths ein Haus mit Grundstück in Schmöckwitz. Sie teilten das Grundstück, verkauften das Haus und bauten sich ein neues. Idyllisch am Waldrand gelegen, lebt Foth auch heute noch hier. Seine Frau ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben.
Den Umzug ins Grüne hat Foth nie bereut. „Die Wohnung in Moabit war toll“, sagt er. „Aber obwohl ich ein Stadtkind bin, genieße ich jedes Mal die frische Luft und die Ruhe, wenn ich wieder hierher nach Schmöckwitz komme.“ Seine Anni lässt er bei seinen Reisen ins Zentrum allerdings zu Hause und nimmt lieber die S-Bahn. Und da er kein H-Kennzeichen hat, darf er mit Anni sowieso nicht in den S-Bahn-Ring hinein. Anni ist ihm daher vor allem beim Einkauf behilflich: Im Kofferrau – also da, wo normalerweise der Motor ist, nämlich vorn – steht immer eine blaue Kiste bereit, in der die Einkäufe von der Kasse zum Auto und vom Auto ins Haus verfrachtet werden.
Seine Begeisterung für alles, was auf der Straße fährt und auf der Schiene rollt, merkt man Foths Wohnung an. Er sammelt leidenschaftlich Modellautos, alte Straßenbahnschilder und andere Antiquitäten dieser Art. Seit 25 Jahren ist er außerdem Mitglied des Isetta-Cubs, der sich der Pflege und des Erhalts der alten BMW 600 und BMW 700 widmet. Sein Schwager arbeitete bei der BVG. „Ich bin selbst ein großer Eisenbahn-Fan“, sagt Foth. Selbstverständlich besitzt er auch eine Modellbahn: Eine Lehmann Großbahn, die zum Betrieb im Garten gedacht ist. Allerdings, gibt er zu, baut er sie dort selten auf. Wenn, dann kommt sie im Obergeschoss des Hauses zum Einsatz.
Zwar hat sich am Design des Käfers, solange er noch produziert wurde, immer wieder mal etwas geändert. Aber die Grundform ist immer gleich geblieben. Es ist insofern verständlich, dass Foth sich kein H-Kennzeichen besorgt. „Ach“, meint er augenzwinkernd. „Anni ist doch kein Oldtimer. Ich bin ja auch keiner.“ Und damit hat er ja irgendwie recht. Anni ist nicht modern, aber sie tut ihren Dienst: fährt ihren Besitzer zuverlässig zum Einkaufen, und wenn ihm zu warm wird, macht er einfach das Fenster auf. Alles kein Problem. Am Heck gibt es einen Aufkleber: „Käfer, was sonst?“, steht da. Ja, natürlich, möchte man rufen, was denn sonst!
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