Initiative erinnert mit Aktionstagen an Deportationen

In der Levetzowstraße erinnert heute ein Mahnmal an das ehemalige Sammellager für Berliner Juden vor ihrer Deportation. (Foto: Liptau)

Moabit. Es ist wohl das dunkelste Kapitel in der Geschichte Moabits, und es ist heute fast in Vergessenheit geraten: 1942 und 1943 wurden vom Moabiter Güterbahnhof rund 30 000 Berliner Juden deportiert, mehr als irgendwo sonst in der damaligen Reichshauptstadt.

Wenn Aro Kuhrt heute von seinem Balkon in der Birkenstraße schaut, kann er die Kreuzung Perleberger Straße sehen, auf der sich tagtäglich Autos voranschieben. Normaler Großstadtalltag. Vor gut 70 Jahren hätte er an dieser Stelle beobachten müssen, wie regelmäßig Gruppen von gut 1000 Menschen zum Güterbahnhofsgelände im Norden Moabits laufen. "Das war alles ganz offensichtlich, jeder muss das mitbekommen haben", sagt Kuhrt. Mit der Initiative "Sie waren Nachbarn" veranstaltet er in den kommenden Wochen vor allem künstlerische Aktionen, um an diesen "letzten Weg" der jüdischen Opfer der NS-Zeit zu erinnern. 1942 und 1943 haben die Nazis die ehemalige Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 als Sammellager für insgesamt rund 30 000 Berliner Juden genutzt. Von hier aus wurden sie in Gruppen bis zum Güterbahnhof Moabit getrieben. Zu Fuß, rund zwei Kilometer weit, vor aller Augen. Die Züge fuhren zumeist nach Auschwitz oder in andere Arbeits- und Vernichtungslager im Osten. Für den Großteil der gut 50 000 ermordeten Berliner Juden war Moabit also die letzte Station vor der Deportation. Am Standort der abgerissenen Synagoge in der Levetzowstraße steht heute ein großes Denkmal, ein kleineres erinnert auf der Putlitzbrücke an die Deportation.

Der Bahnsteig selbst, von dem aus die Opfer in die Lager gebracht wurden, ist heute im Wesentlichen von der Ellen-Epstein-Straße überbaut. "Es ist erst seit einigen Jahren klar, welchen Umfang die Deportationen aus Moabit tatsächlich hatten", sagt Aro Kuhrt. Die Erinnerung daran sei deshalb überhaupt nicht mehr lebendig. Seine Initiative - ein loser Zusammenschluss aus rund zehn engagierten Moabitern - will das jetzt ändern. "Wir wollen den letzten Weg der Opfer dauerhaft im Straßenbild kennzeichnen", sagt er. Wie genau das aussehen könnte, sei noch offen. "Vielleicht ähnlich wie die Pflasterstein-Reihen, die an den Verlauf der Berliner Mauer erinnern." In den kommenden drei Wochen bis zum 9. November soll die Diskussion unter anderem darüber angestoßen werden.

Drei Wochen lang wird es verteilt über Moabit mehrere kulturelle Veranstaltungen rund um das Thema geben. Darunter beispielsweise eine Performance am Mahnmal in der Levetzowstraße, Theaterstücke in der Heilandskirche oder eine Lesung in der Arminius-Markthalle. Zudem wird in der Heilandskirche während der ganzen Zeit eine Ausstellung mit Bildern gezeigt, die sich künstlerisch mit den Themen von Ausgrenzung und Vernichtung auseinandersetzen. Die Vernissage am 18. Oktober um 19 Uhr ist zugleich Eröffnungsveranstaltung für die Aktionstage. Am 9. November wird bei einer Abschlussveranstaltung diskutiert, wie es mit der Initiative weitergeht und wie ein Denkmal entlang des "letzten Weges" aussehen könnte.

Weitere Informationen zum Programm gibt es auf www.ihr-letzter-weg.de. Zudem liegen Flyer an mehreren Orten im Kiez aus, beispielsweise in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung in der Turmstraße 5.

Ralf Liptau / flip
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