100 Jahre alter Villenvorort wird jünger und schneller

Aus ihrem traditionellen Konfitüren-Geschäft blickt Hampe-Erbin Bärbel Engelbrecher auf die moderne Seite der Breisgauer Straße. (Foto: M. Schmidt)
 
Karl-Ulrich Holmgren mag das neue Ambiente in Schlachtensee. (Foto: M. Schmidt)

Nikolassee. Den meisten Berlinern ist es nur als S-Bahnstation bekannt, von der es nur wenige Schritte zum Badegewässer sind, der dem Ort den Namen gab: Schlachtensee entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Villenvorort.

In dem idyllischen Waldgebiet gab es zuvor nur einige Fischer und verstreute Höfe. Auf der anderen Seite der Bahnlinie erstreckt sich ein quicklebendiger Stadtteil mit Geschäften, Gastronomie und Plätzen zum Verweilen, der seit einigen Jahren richtig modernisiert wird. An der Breisgauer Straße - zwischen Altvater- und Matterhornstraße - erlebt Schlachtensee eine Erneuerung, die den alten Charme der "Breisgauer" durch den Chic des 21. Jahrhunderts ergänzt. In helle zweistöckige Gebäude mit Penthäusern zogen neue Läden und Dienstleistungsbetriebe ein.Während auf der Westseite der Breisgauer Straße die alten Häuser mit Ziegeldächern und großzügigen Balkonen Bäckerei, Restaurant, ein Tiernahrungsgeschäft oder einen Konfitürenladen enthalten, erheben sich weiße Dreistöcker mit Penthouse und moderner Isolierung. Rechts vom Ärztehaus sitzen Apotheke und Hörgeräteakustiker. Rechts daneben zieht der Drogeriemarkt dm ein. Direkt an der Bahn hat die Commerzbank ihr Gebäude auf dem ehemaligen Reichsbahngelände errichtet, vor einem RegioHofladen verweilen Menschen zum Kaffee.

"Seit einem Jahr ist richtig viel los hier", sagt Markus Blankenburg, der seit zehn Jahren seine Buchhandlung direkt am Eingang zum S-Bahnhof betreibt. Schlachtensee habe sich gut entwickelt, nicht nur mit Geschäften, sondern auch mit viel Gastronomie, die das Viertel abends und an Feiertagen lebendig erhalte. "Gut für’s Geschäftsklima", sagt der 46-Jährige, der den Buchladen von seinem Vater übernahm. "Auch junge Leute kommen wieder nach Schlachtensee."

Die kaufen allerdings anders ein als die alten. Das weiß Bärbel Engelbrecher von "Konfitüren-Hampe". Die ältere Dame steht seit 65 Jahren hinter dem Ladentisch, wie sie stolz erzählt. Ihr fehlt die junge Kundschaft. Und Schokolade - wie es früher hieß: Konfitüre - gibt es heute fast überall. Großvater Wilhelm Hampe eröffnete 1920 die Konfitürenhandlung und früher einen ähnlichen Schokoladenshop auch am Mexikoplatz.

Zu großen Festen wie Weihnachten und Ostern fertigt die Hampe-Erbin hübsche Schokoladenpräsente mit Aufbindern - eben etwas Besonderes, das andere Süßigkeiten-Verkäufer nicht bieten. Ihre prominenten Kunden wie Heinrich Albertz, Theo Lingen, Peter Mosbacher oder Günther Pfitzmann wussten es zu schätzen.

Schlachtensee ist jung, die Bewohner sind es nicht. Die Erschließung des Gebietes links und rechts der verkehrstechnisch bedeutsamen Potsdamer Chaussee und der Bau der Wannsee-Bahn führten vor gut 130 Jahren zu einem starken Bevölkerungswachstum. Die Kaufkraft der Bürger ist überdurchschnittlich hoch, etwa ein Viertel der Anwohner ist über 65 Jahre alt.

Bettina U., die seit 1960 nicht weit von der Breisgauer Straße wohnt und regelmäßig mit dem Fahrrad hier einkauft, vermisst den Blumenkiosk und schöne alte Backsteingebäude wie das der Sparkasse. Die jetzige Bebauung sei ihr zu hoch. Bäume und Sträucher seien verschwunden. Stattdessen gebe es zuviel Verkehr.

Karl-Ulrich Holmgren mag dagegen die neuen Bauten. Zwar seien die alten Robinien weggenommen worden, aber es sei für die Bäume Ersatz gekommen. "Alles andere war Wildwuchs", sagt der 74-jährige pensionierte Geologe. "Die Ecke wurde durch die neuen Geschäftsgebäude aufgewertet." Schon in den 70er-Jahren seien manche alten Villen von der Jahrhundertwende abgerissen worden. "Ich fühle mich wohl hier", so Holmgren. Neben Discount- und Supermärkten haben sich ein Reisebüro, ein Imbiss, eine Reinigung und ein Sanitätshaus niedergelassen.

In seinem Lotto- und Zeitungsladen hat Okay Cintemur vor einem Jahr auch eine Postagentur mit reingenommen, nachdem die alte Post in der Breisgauer geschlossen hatte. Der 37-Jährige mag die Gegend und seine Kunden. Und sie ihn offenbar auch - bringen sie ihm und seinen Angestellten doch schon mal Kuchen mit. Rechts hinterm Aldi ragt ein weiterer Rohbau viergeschossig in den Himmel. Am Bahndamm steht an einem nachgeahmten Fachwerkhaus: "OlivaMondo, Feinkost Döner Kebap-Imbiss". Noch sind die Bauarbeiten an diesem Ort nicht abgeschlossen. Doch eins scheint klar. Das neue Schlachtensee ist erst dabei zu entstehen. Es wird jünger und berlinischer sein als das alte.


Martinus Schmidt / mst
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