Gewerbetreibende fürchten Vertreibung aus Gewerbegebiet

Die Gewerbetreibenden wollen nun den Bundesrat um Unterstützung bitten. (Foto: Liptau)

Schöneberg. Voraussichtlich ab 1. November gehört das rund 80 000 Quadratmeter große Gewerbegebiet zwischen Naumann- und Wilhelm-Kabus-Straße dem Investor Nicolas Berggruen. Unter den Gewerbetreibenden macht sich Angst breit. Denn sie sollen offenbar deutlich mehr zahlen - oder gehen.

"Da wird kräftig selektiert", beklagt Michael Pfaff als einer von gut 50 Gewerbetreibenden auf der Roten Insel. Er berichtet, dass Mitarbeiter der Berggruen-Holding kürzlich über das Gelände "gezogen" seien und mündliche Kündigungen ausgesprochen hätten. "Dabei gehört denen das Areal noch gar nicht", so der Lackierer und Restaurator. Tatsächlich scheint der Investor nicht nur die Mieten deutlich zu erhöhen: Einige Gewerbetreibenden bekommen erst gar keinen neuen Mietvertrag. Mehrdad Mehrzad etwa, seit rund 20 Jahren als Autoschrauber auf dem Gelände, soll gehen. "Ich wäre mit einer höheren Miete einverstanden", versichert er. Aber man habe ihm mitgeteilt, dass er nicht zum neuen Konzept passe. Der Großteil der Mieter hat nur kurzfristige Verträge mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten. Der Bundesrat muss der Übernahme des Geländes durch die Berggruen Holding noch zustimmen. Bisher gehört es dem Bund und wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) verwaltet. Wenn für den neuen Investor alles glatt läuft, kann er das Gewerbegebiet zum 1. November übernehmen. Sein Unternehmen kündigt an, hier einen Kreativstandort entwickeln zu wollen. Dafür würden beispielsweise allein 1100 Quadratmeter an die gemeinnützige Gesellschaft für Stadtentwicklung vermietet, die hier 27 Künstlerateliers einrichten will. Mindestens drei Millionen Euro seien allerdings zunächst nötig, um Bauten und Gelände zu sanieren, teilt die Berggruen Holding mit. Die Mieten würden deshalb von momentan zwei bis drei auf rund fünf Euro pro Quadratmeter steigen müssen.

Die vom Unternehmen vorgeschlagenen Mietverträge sprechen eine andere Sprache: Die neu berechneten Mietpreise beziehen sich dabei ausdrücklich auf den "jetzigen Zustand" der Bauten. "Und den haben wir zum Großteil auch noch selbst hergestellt", beklagt die Weinhändlerin Maike Reinders. Sie habe, wie viele andere, ihre Geschäftsräume selbst hergerichtet. "Das war vorher nur Ruine."

Bei der Berggruen Holding will man sich zur Auseinandersetzung mit den Mietern in keinem Fall öffentlich zitiert sehen. Zumindest im Schöneberger Rathaus sollen sich die Investoren allerdings erklären: Die Stadträtin für Stadtentwicklung Sibyll Klotz (Grüne) und die für die Wirtschaftsförderung zuständige Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) wollen Berggruen einladen, um mehr über dessen Pläne zu erfahren. "Die Angst der Gewerbetreibenden ist im Rathaus angekommen", so die Bürgermeisterin. Klotz möchte dem Investor bei dem Treffen klar machen, dass sie an dem bestehenden Bebauungsplan unter allen Umständen festhalten will. "Das ist Gewerbegebiet und soll es in jedem Fall auch bleiben."

Spätere Änderungen, die beispielsweise Wohnbau ermöglichen würden, seien mit ihr nicht zu machen. Beide stellen allerdings klar, dass sie keinen Einfluss auf die Mietenpolitik des Investors haben.

Die Gewerbetreibenden wollen ihr Schicksal deshalb selbst in die Hand nehmen und rufen zu einer Demo vor dem Bundesratsgebäude am Tag der ersten Sitzung nach der Sommerpause auf. Treffpunkt ist am 20. September um 8.30 an der Leipziger Straße 3-4.


Ralf Liptau / flip
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