Bahnhofsmission am Ostbahnhof feierte 120. Geburtstag

Jutta Frank (links) und Ulrike Reiher, zwei von 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Bahnhofsmission am Ostbahnhof. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Die Bahnhofsmissionen gehören zum Inventar vieler Bahnhöfe. Und das seit nunmehr 120 Jahren.

1894 wurde die erste Einrichtung eröffnet. Sie entstand am damaligen Schlesischen Bahnhof, dem jetzigen Ostbahnhof in Friedrichshain. Und sie besteht bis heute.

Am 17. Juni wurde dort der besondere Geburtstag gefeiert. Es gab Grüße und Glückwünsche, unter anderem von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) oder Berlins Bahnchef Ingolf Leuschel. Der Tenor aller Reden: Noch immer leistet die Bahnhofsmission eine wichtige Arbeit und sei nicht wegzudenken.

Begonnen hatte alles mit der ehrenamtlichen Arbeit von Frauen aus beiden christlichen Konfessionen sowie aus der Jüdischen Gemeinde. Unter dem Dach des katholischen Verbandes für Mädchen- und Frauensozialarbeit IN VIA, der auch heute noch als Träger fungiert, boten sie vor allem jungen Frauen Hilfe an, die aus ländlichen Gebieten auf Arbeitssuche nach Berlin kamen. Gerade sie wurden häufig Opfer sozialer oder sexueller Ausbeutung. Der Standort am Schlesischen Bahnhof wurde bewusst gewählt. Die Station war damals das Einfallstor für viele Zuwanderinnern, etwa aus Schlesien. Seither hat die Bahnhofsmission an dieser Stelle viele Epochen und politische Umbrüche er- und überlebt. Zu DDR-Zeiten war sie die einzige Einrichtung ihrer Art in Ostdeutschland. Und von ihr ausgehend hat sich das Konzept auch auf andere Städte ausgebreitet. Heute gibt es in der Bundesrepublik etwa 100 Bahnhofsmissionen.

Erweitert haben sich seit der Gründung vor allem die Aufgaben. Sie werden inzwischen als niederschwellige Hilfe für alle Menschen in Not beschrieben. Ob Obdachlose oder Reisende, die ihren Zug verpasst habe. Es gibt Hilfe beim Ein- Aus- und Umsteigen oder einfach eine Tasse Tee zum Aufwärmen. "Auffällig ist aktuell eine starke Zunahme von psychisch auffälligen und Suchtmittel abhängigen Menschen", heißt es bei IN VIA. Die Bahnhofsmission sei deshalb auch ein Seismograph gesellschaftlicher Probleme.

In die Anlaufstelle am Ostbahnhof kommen täglich im Schnitt mehr als 150 Besucher. Ihre Zahl ist 2013 gegenüber 2012 um 18 Prozent gestiegen. Die Arbeit wird von vier haupt- und rund 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet. Zu den Freiwilligen gehören beispielsweise Jutta Frank (55) und Ulrike Reiher (43). "Etwas sinnvolles tun", beschreibt Jutta Frank ihre Motivation und Ulrike Reiher ergänzt: "Ich habe in meinem Leben bisher viel Glück gehabt und wollte etwas davon zurückgeben." Auch die beiden Frauen erzählen von ganz unterschiedlichen Gästen, mit denen sie während ihrer Arbeit konfrontiert werden. Gerade zu Beginn sei sie von den vielen Schicksalen sehr mitgenommen worden, sagt Jutta Frank. "Ich habe schnell gelernt, dass ich mich davon freimachen muss, wenn ich hier rausgehe. Sonst kommt man nicht mehr klar." Wobei nicht nur die Unterstützung in der Not zu den Aufgaben der Ehrenamtlichen gehören, sondern auch ganz profane Dinge, wie abwaschen oder Kaffee kochen.

Weitere Helfer, die sich in der Bahnhofsmission engagieren, wären das schönste Geschenk zum Jubiläum. Gesucht werden vor allem Menschen mit osteuropäischen Sprachkenntnissen. Die Bahnhofsmission am Ostbahnhof befindet sich in der Erich-Steinfurth-Straße am S-Bahnbogen 8. Sie ist täglich von 8 bis 17 Uhr geöffnet.


Thomas Frey / tf
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