Wirbel um Dreharbeiten im Klinikum

Trotz Filmaufnahmen wurde das Krankenhaus weder zum Big Brother-Container noch zum Dschungelcamp. (Foto: Frey)

Friedrichshain. Die Aufregung reichte bis in den Berliner Senat. Der zog am 26. Februar die Notbremse. Die Filmaufnahmen, die seit Mitte Februar in der Geburtsstation des Vivantes Krankenhauses im Friedrichshain stattfinden, werden bis zur nächsten Sitzung des Aufsichtsrats am 20. März ausgesetzt.

Damit hatte der Wirbel um die Dreharbeiten im Kreissaal seinen Höhepunkt erreicht. Nachdem er sich zuvor vor allem medial aufgebaut hatte.Aber worum geht es hier eigentlich? Und wie kam es dazu, dass Neugeborene und ihre Mütter in der Klinik mit der Kamera begleitet werden sollten?

Ausgangspunkt war ein neues Fernsehformat mit dem Titel "Babyboomer - Willkommen im Leben", das eine Produktionsfirma für den Sender RTL realisieren soll. Es orientiert sich an einer Serie, die bereits in Großbritannien läuft und das "Wunder der Geburt" in Szene setzt.

"Wir bekamen zunächst eine Anfrage, ob es möglich wäre, die Aufnahmen bei uns zu machen", erklärt Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau. Die Verantwortlichen im Klinikkonzern haben sich daraufhin nicht nur das Vorhaben genau erklären lassen, sondern auch einige Folgen des britischen Vorbilds angesehen. "Wir bekamen dabei den Eindruck, dass es sich hier nicht um eine reißerische oder gar menschenverachtende Produktion, handelt", sagt die Sprecherin. Mit einschlägig bekannten Formaten wie etwa "Big Brother" hätte das überhaupt nichts zu tun. Vielmehr werde einfach eine Geburt dokumentiert. Und das passiere im Fernsehen nicht zum ersten Mal. "Der Vorgang steht auch ganz für sich und wird nicht einmal durch eine besondere Dramaturgie, etwa entsprechende Musik aufgepeppt."

Bevor die Produktion beginnen konnte, seien nicht nur alle nötigen Institutionen bei Vivantes, vom Betriebsrat bis zum Hygienebeauftragten befragt worden, sondern natürlich auch die Mitarbeiter der Friedrichshainer Geburtsstation. Auch hier habe der größte Teil zugestimmt. "Zwei Drittel des Pflegepersonals war einverstanden, bei den Ärzten waren es sogar 15 von 17."

Auf die Auswahl der Frauen, die ihre Geburt filmen lassen wollten, habe das Krankenhaus keinen Einfluss genommen. "Das einzige was wir in diesem Zusammenhang gemacht haben war, dass wir Mitarbeiter des Fernsehteams zu einem Informationsabend für Schwangere eingeladen haben." Einige seien auch unabhängig davon von der Produktionsfirma akquiriert worden.

Die bisher sechs Frauen, die sich an der Doku beteiligten, erhalten eine Aufwandsentschädigung. Für Vivantes gibt es kein Bargeld. Vereinbart wurde allerdings, dass nach den Aufnahmen die Kreissäle wieder in ihren vorherigen Zustand zurückversetzt wurden.

Denn dort waren Umbaumaßnahmen nötig um die Kameras einzubauen. Mehrere der insgesamt 27 Kameras sind fest installiert. Wie viele, der insgesamt fünf Kreissäle zu Fernsehstudios umgebaut wurden, wollte die Sprecherin nicht sagen. Es soll sich, wie zu hören war, um zwei handeln.

Seit dem Beginn der Dreharbeiten am 15. Februar sei der Betrieb trotz Filmkulisse ganz normal weiter gelaufen, beteuert Mischa Moriceau. Wurde ein Kreissaal für eine Frau gebraucht, die kein Einverständnis für Aufnahmen gegeben hatte, seien die Kameras natürlich ausgeschaltet worden. "Gleiches ist passiert, wenn ein Arzt der Meinung war, dass manche Phasen der Geburt nicht festgehalten werden sollten." Vereinbart sei außerdem, dass sich ein Gremium von Vivantes sich das Material nach dem Ende der Dreharbeiten noch einmal anschauen könne.

Der Klinikkonzern war deshalb einigermaßen überrascht von dem Echo, den die Fernsehproduktion hervorgerufen hat. Und der jetzt in einem vorläufigen Aufnahmestopp von Seiten des Senats mündete. Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) begründet diese Entscheidung "mit Bedenken, dass die allgemeinen Persönlichkeitsrechte der Kinder und die Rechte der Arbeitnehmer nicht ausreichend gewahrt werden." Außerdem sei dem Aufsichtsrat das Vorhaben zuvor nicht bekannt gewesen. Auch wenn betont wird, dass eine Genehmigung zu Filmaufnahmen Teil des operativen Geschäfts und damit nicht zustimmungspflichtig ist.

Aber möglicherweise ist es gerade diese Nicht-Information, die jetzt für den Wirbel gesorgt hat. Das Gefühl hier passiert etwas geheimnisvolles, das lieber nicht öffentlich gemacht werden soll. "Daran haben wir nicht gedacht", räumt Mischa Moriceau ein. "Aber vielleicht war das ein Fehler, aus dem wir lernen sollten."

Probleme durch das Aussetzen der Produktion bekommt jetzt vor allem die Filmfirma. Nicht nur weil sich deren Drehtermine nicht mehr halten lassen, sondern, gerade in diesem Fall, was ihre "Probanten" betrifft. Denn eine Geburt lässt sich ja nicht einfach um einige Wochen verschieben. Und sollte das gesamte Vorhaben beendet werden, wären wahrscheinlich auch Schadensersatzansprüche an Vivantes fällig.


Thomas Frey / tf
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