Bezirksverordnete einigen sich auf einen Kompromiss

Die Büste von Salvador Allende soll umziehen. (Foto: Ralf Drescher)

Köpenick. Normalerweise sind die Sitzungen des BVV-Ausschusses für Weiterbildung wenig spannend. Bei der Sitzung am 14. März stand aber die mögliche Umsetzung einer Allende-Büste auf dem Programm. Und das sorgte für Zündstoff.

Bereits im Vorfeld hatte ein Bürgerverein Allendeviertel mobil gemacht und der SPD, die den Antrag zur Versetzung gestellt hatte, Bilderstürmerei und gar Geschichtsraub unterstellt. "Gedenken hat viele Faktoren, darunter das Gedenken an eine Person, aber auch die Geschichte des Gedenkens. Wir müssen hier beide Seiten im Auge haben", sagte Ursula Walker (SPD), die damit den Antrag erläuterte, die Allende-Büste vom Standort vor der früheren Salvador-Allende-Schule (heute Emmy-Noether-Gymnasium) an einen anderen Standort zu versetzen. "Die Schule trägt seit zwei Jahren einen anderen Namen, die Fahnenstangen brauchen wir nicht mehr. Bei Gesprächen haben Bürger aus dem Allende-Viertel angeregt, die Büste zu versetzen", so Walker.

Die Partei Die Linke hatte zum gleichen Thema beantragt, die Büste samt Fahnenmasten zu restaurieren und vor dem Schulgebäude zu belassen. "Wir sehen keinen Grund, die Büste an einen anderen Standort zu bringen", so Freya Ojeda, die den Antrag eingebracht hatte.

Kritik gab es auch, weil die SPD mehrere Alternativstandorte vorgeschlagen hatte, die kaum realisierbar wären, wie das Gelände der nahen DRK-Kliniken und die Allende-Brücke über die Spree. Dafür hatten Anwohner, die in den Ausschuss gekommen waren, Alternativen. "Ein kleiner, parkähnlicher Platz neben der Schule wäre als Standort geeignet. Da steht die Plastik von Allende unter sozialer Kontrolle und ist vor Vandalismus geschützt. Fahnenstangen und Büste passen nicht zusammen, da stimmt schon ästhetisch nichts", sagte Anwohner Eberhard Aurich.

Der wohnt seit 30 Jahren im Allende-Viertel und war bis 1990 Vorsitzender des DDR-Jugendverbands FDJ. Damit ist er über jeden Verdacht erhaben, ein Allende-Gegener zu sein. Auch beim Bürgerverein Allende-Viertel bröckelt inzwischen die Einheitsfront. Während Vorsitzender Torsten Postrach auf dem Verbleib Allendes vor der Schule beharrte, ging Mitglied Ulrich Haas auf den Vorschlag von Anwohner Aurich ein. "Dem könnte inzwischen auch der Mieterbeirat des Wohngebiets folgen", so Haas.

Nach einer längeren Sitzungspause, in der die im Ausschuss vertretenden Fraktionen sich noch einmal austauschten, ließ Ausschussvorsitzende Irina Voigt (SPD) über die Anträge von SPD und Linken abstimmen. Der SPD-Antrag war inzwischen geändert worden und favorisierte als neuen Standort die von Anwohner Aurich vorgeschlagene parkähnliche Anlage gegenüber der Pablo-Neruda-Straße 11. Mit sieben Jastimmen bei vier Neinstimmen und zwei Enthaltungen wurde der Antrag angenommen. Der Antrag der Linken wurde abgelehnt.

Wegen möglicher Kosten einer Umsetzung muss das Thema noch im Haushaltsausschuss debattiert werden, dann kann die Bezirksverordnetenversammlung in ihrer Mai-Sitzung endgültig über die Allende-Büste entscheiden.


Eine gute Lösung für Allende

Ein Kommentar von Ralf Drescher



Dass es Streit geben würde, war zu erwarten gewesen. Etliche Linke sehen Allendes Wirtschaftspolitik, bei der Teile der Privatwirtschaft - wie in der DDR - verstaatlicht wurden, immer noch als Errungenschaft an und wollen den chilenischen Politiker deshalb weiterhin auf einen möglichst hohen Sockel heben. Für viele Anwohner ist ein Denkmalplatz mit Fahnenmasten dagegen nicht mehr zeitgemäß. Dass tatsächlich keine Bilderstürmerei betrieben wird, zeigt die SPD mit dem Vorschlag, neue Standorte zu prüfen. Anwohner wie Eberhard Aurich bringen sich als Bürger ein und beweisen damit wahrhaft bürgerschaftliches Engagement. Keinem der Beteiligten ging es darum, Allende aus dem nach ihm benannten Wohngebiet zu verbannen. Insofern muss die Behauptung einer Minderheit von DDR-Nostalgikern, hier würde Bilderstürmerei betrieben, zurückgewiesen werden.

Die Bezirksverordneten haben es sich nicht leicht gemacht. Fast zwei Stunden wurde zum Thema Allende debattiert. Nun liegt eine vernünftige Alternative auf dem Tisch. Vermutlich wird der Standortvorschlag auch in der BVV eine Mehrheit finden. Die Umzugsgegner vom Bürgerverein sollten nun diese demokratische Entscheidung akzeptieren.


Ralf Drescher / RD
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