Große Hoffnung und wenig Erfolge

Für jeden Patienten genau die Behandlung, die exakt zu seinem Krankheitsbild passt und Besonderheiten in seinem individuellen Fall berücksichtigt: Das verspricht die sogenannte personalisierte Medizin.

Gemeint sein können damit Stammzellbehandlungen, Gentests oder neue Wirkstoffe, die an ganz bestimmten Stellen im Körper auf molekularer Ebene Effekte haben. Es gibt zwar erste Erfolge. Aber wie viel von dem Versprechen tatsächlich eingelöst werden kann, bleibt offen.

Weil es bei der personalisierten Medizin vor allem um Merkmale auf Zellen (sogenannte Biomarker), um Gene, Moleküle und Ähnliches geht und nicht etwa um einen ganzheitlichen Ansatz, wird der Begriff auch als irreführend kritisiert: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weist darauf hin, dass der Mensch als Ganzes mit seiner Fähigkeit zur Reflexion und Selbstbestimmung zunächst gar nicht gemeint sei. Vielmehr gehe es um fundamentale biologische Strukturen und Prozesse.

Die Wissenschaft streitet noch, ob alles sinnvoll und ethisch vertretbar ist, was in diesem Bereich gehen könnte - auch mit Blick auf die Kosten. Christiane Woopen, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, fasst die Lage so zusammen: "Werden Patienten auf dem Prunkwagen der personalisierten Medizin ins Paradies medizinischen Fortschritts gefahren, oder werden sie vor den Karren der molekularbiologischen Forschung und der Pharmaindustrie gespannt?"

Der Pharmakologe Prof. Heyo Kroemer aus Göttingen unterscheidet zwei Dinge: Da sind zum einen die zellulären Ersatztherapien, die dazu führen sollen, dass sich krankes Gewebe regeneriert. "Das wird noch eine Weile dauern, bis man das hinkriegt", sagt er. "Aber wir sehen zunehmend Durchbrüche in den Techniken, etwa was die Reprogrammierung von erwachsenen Zellen zu Stammzellen angeht."

Als zweites nennt Kroemer neue Medikamente gekoppelt mit speziellen Tests, bei denen es durchaus Erfolge gebe. Als Beispiel führt er ein Mittel für Patienten mit der seltenen Erbkrankheit Mukoviszidose an, die vor allem die Lunge betrifft. Bei einem kleinen Teil der Patienten liege eine bestimmte Genmutation vor. Diese Gruppe könne nach entsprechendem Test nun ein neues Medikament erhalten. "Wenn sie Ärzte fragen, die diese Patienten behandeln, hat das Leben für diese Menschen eine neue Qualität mit der Behandlung", sagt Kroemer. Die Substanz gebe es aber für Langzeitaussagen noch nicht lange genug.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) listet auf seiner Webseite mehr als 30 Medikamente auf, die er der personalisierten Medizin zuordnet und die bisher in Deutschland zugelassen sind. Darunter finden sich vor allem Wirkstoffe zum Einsatz bei Krebspatienten, aber auch das Präparat und der Test zu Mukoviszidose. Für 26 Wirkstoffe ist ein diagnostischer Vortest vorgeschrieben, für acht wird ein solcher Test empfohlen.

Die Bandbreite und der Ideenreichtum ist laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bei den therapeutische Ansätze mit Stammzellen am größten. Für eine Anwendung beim Patienten seien jedoch bislang nur Stammzellen zugelassen, die aus Nabelschnurblut oder Knochenmark stammen und anderen Personen als dem Spender verabreicht werden können.

"Der Hype um die personalisierte Medizin ist wieder etwas abgeklungen aus meiner Sicht, es ist teils eine Ernüchterung eingetreten und die Hoffnungen in bestimmte Biomarker haben sich oft nicht erfüllt", sagt Prof. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Oft geht es in der personalisierten Medizin auch um die Untersuchung von Genen. Dazu hat sich der Ethikrat vor einigen Monaten geäußert. Wie soll mit der großen Menge der dabei gewonnenen genetischen Daten und den Befunden umgegangen werden? "Manche sind für die medizinische Versorgung sehr hilfreich, andere erbringen belastende Informationen ohne Eingriffsmöglichkeit, wieder andere sind von unklarer Relevanz", befand das Expertengremium.


dpa-Magazin / mag
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