Historiker präsentiert "Totenbuch Berlin-Hohenschönhausen"

Jan George gedachte der Lageropfer mit einem Gedicht. Er ist der ältere Sohn des Schauspielers Heinrich George und Bruder von Götz George. (Foto: Wrobel)

Alt-Hohenschönhausen. Im einstigen Speziallager Nr. 3 der sowjetischen Geheimpolizei kamen zwischen 1945 und 1946 etwa 2000 Menschen ums Leben. Lange Zeit war jedoch unklar, wer die Opfer waren.

Tausende von Menschen wurden in der Sowjetischen Besatzungszone nach Ende des Zweiten Weltkriegs in zehn Speziallagern inhaftiert. Viele kamen unter menschenunwürdigen Haftbedingungen zu Tode. In Hohenschönhausen errichtete die sowjetische Geheimpolizei auf dem Gelände der einstigen Großküche in der Genslerstraße ein solches Speziallager: Nr. 3. Zwischen Mai 1945 und Oktober 1946 wurden hier insgesamt 20 000 Menschen inhaftiert. Schätzungen zufolge starben während der wenigen Monate rund 2000 Menschen an Hunger und Krankheit. Viele Namen der Opfer blieben bis zuletzt im Dunkeln. Der Historiker Peter Erler holt jetzt erstmals 702 Namen ans Licht.

Sieben Jahre mühevolle Recherche wendete Erler für das nun von der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen herausgegebene "Totenbuch Berlin-Hohenschönhausen" auf. "Wir konnten 702 der bisher anonym Verstorbenen einen Namen zuordnen. Es ist ein Zwischenergebnis, denn viele Fälle bleiben noch offen", berichtet Peter Erler. Rund 53 000 Namen glich der Historiker ab. Die schwierige Quellenlage habe seine Suche erheblich behindert. Erst einer Spezialakte im Archiv des KGB konnte Erler Hinweise zu Daten der im Lager verstorbenen Personen entnehmen. Das Totenbuch richtet sich vor allem an die Enkel und Urenkel der Opfer. Denn vielfach bleibt das Schicksal ehemaliger Familienangehöriger ungeklärt. "Jahrzehntelang galten die im Buch versammelten Personen als verschollen", weiß Erler.

Im Speziallager Nr. 3 wurden von der Geheimpolizei Menschen festgehalten, denen antisowjetische Zersetzungsarbeit vorgeworfen wurde. Darunter waren Mitglieder der NSDAP, aber auch Menschen wie Heinz-Joachim Schmidtchen. Der hatte als 18-Jähriger Plakate gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED geklebt. Der bekannte Schauspieler Heinrich George zählte ebenfalls zu den Gefangenen im Speziallager Nr. 3. George, der seine Schauspielkarriere unter den Nationalsozialisten weiter verfolgte und doch weiterhin Kontakte zu Kommunisten und Juden hielt, wurde später aus Hohenschönhausen ins sowjetische Speziallager Nr. 7 nach Sachsenhausen verlegt und starb dort völlig entkräftet 1946. Die Geschichte der Inhaftierung von Heinrich George und Heinz-Joachim Schmidtchen ist eindrucksvoll in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen dokumentiert. Erhalten ist der Erlebnisbericht von Schmidtchen aus dessen Gefangenschaft. Als Exponat ist zudem die Jacke des Schauspielers Heinrich George zu sehen, sie erinnert an seine einstmals wohlgenährte Statur. Unter den Haftbedingungen hungerte sich George zum Skelett herunter.

Zum Gedenken an die Opfer des Speziallagers Nr. 3 wurde 1998 auf dem städtischen Friedhof Hohenschönhausen in der Gärtnerstraße ein DenkOrt eingeweiht. An diesem Ort erinnern Feldsteine an die hier namenlos bestatteten Lagertoten. Alljährlich gedenkt der Bezirk gemeinsam mit Angehörigen und Hinterbliebenen an die Opfer. So auch am 7. November. An dieser Gedenkveranstaltung nahmen in diesem Jahr der ehemalige Häftling Horst Jänichen und Jan George, ältester Sohn des Schauspielers Heinrich George, teil. Zu den Rednern zählte Wolfgang-Christian Fuchs, Beauftragter der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft.


Karolina Wrobel / KW
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