Ausstellung im Rathaus Lichtenberg widmet sich den Mordopfern des NSU

Barbara John (vorne), Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, eröffnete mit Bürgermeisterin Birgit Monteiro (Mitte) und Kulturstadträtin Kerstin Beurich die Wanderausstellung im Rathaus. (Foto: Wrobel)
 
BIrgit Mair kuratierte und konzipierte die Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen". (Foto: Wrobel)
Berlin: Rathaus Lichtenberg |

Lichtenberg. Am 4. November 2011 wurde es öffentlich: Die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hatte zehn Menschen heimtückisch ermordet. Nun gastiert die Wanderausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" im Lichtenberger Rathaus, Möllendorffstraße 8.

Der hessische Blumenhändler Enver Simsek lebte seit 1985 in Deutschland. Mit seinem kleinen Geschäft in Nürnberg konnte der zweifache Vater sich und seiner Familie einen Lebenstraum erfüllen.

Auch Abdurrahim Özüdogru lebte lange Zeit in Deutschland, fühlte sich in Nürnberg daheim. Nachbarn schätzten seine offene Art, er sei "immer zu einem Späßle" bereit gewesen. In einer Schneiderei verdiente sich der Familienvater ein Zubrot zu seiner Tätigkeit als Metallfacharbeiter hinzu.

Beide Männer wurden mit derselben Waffe getötet. Acht weitere Menschen fielen in den Jahren 2000 und 2007 dem "Nationalsozialistischen Untergrund" zum Opfer. Dass die Morde System hatten und rassistisch motiviert waren, kam erst heraus, als sich die Organisation zu erkennen gab.

Die Sicherheitsbehörden hatten versagt: Lange suchte die Polizei im persönlichen Umfeld der Mordopfer nach den Tätern. So gerieten die Opfer – zumindest indirekt – selbst in Verdacht, mit kriminellen Kreisen zu tun gehabt zu haben. Vorurteile entfalteten ihre ganze Kraft, Stichwort: "Dönermorde".

Die Hinterbliebenen mussten nicht nur mit ihrer Trauer zurechtkommen. "Die Familien wurden stigmatisiert. Die Hinweise auf die Neonazis wurden nicht besonders ernst genommen. Das waren mehr als nur Pannen", sagt die Soziologin Birgit Mair.

Am 4. November 2011 platzte dann die Bombe: Die Nazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos starben in ihrem Wohnmobil, das sie angezündet hatten. Mit einem Gerichtsprozess gegen die Angeklagte Beate Zschäpe und vier weitere Personen sollen nun die Verbrechen des NSU aufgeklärt werden – doch vieles liegt noch im Dunkeln.

"Wir müssen uns klarmachen, zu welchen Taten Neonazis fähig sind", sagt Birgit Mair. Sie beobachtet nicht nur die Arbeit der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse und den Lauf des Gerichtsprozesses, der sich seit Mai 2013 in München hinzieht. Sie besuchte und inspizierte die Tatorte der Morde, sprach mit den Familien und Betroffenen.

"Die Ausstellung will die Opfer zu zeigen und ihnen so ihre Würde wiedergeben", sagt Mair. Auf 22 Tafeln sind Fotos der Ermordeten und ihrer Angehörigen zu sehen. Die Familien haben freiwillig die Bilder zur Verfügung gestellt und an den Texten mitgearbeitet.

Neben den Biografien der Opfer werden in einem zweiten Teil der Ausstellung die Hintergründe des neonazistischen Netzwerks und des gesellschaftspolitischen Umgangs mit der Mordserie dargestellt. "Es ist wichtig, die Ereignisse nicht abzuheften", sagt Barbara John, Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer. "Die Familien mussten sich aus einer Extremsituation kämpfen. Und sie werden ein Leben lang unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden."

Die Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" entstand im Auftrag des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung und ist bis Ende November im ersten Stockwerk des Rathauses zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Ein 60-seitiges Begleitbuch kann auf der Internetseite www.opfer-des-nsu.de bestellt werden. Es kostet inklusive Porto und Versand sieben Euro. KW
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