Theater Morgenstern mit Stück über die Kraft der Gefühle

In einem sonderbaren Land produziert eine Wörterfabrik den teuren Stoff zum Reden. (Foto: KEN)
Berlin: Theater Morgenstern |

Friedenau. In Zeiten von Internet, Facebook und oftmals schnell, unüberlegt und gedankenlos hingeworfener Sätze mag man sich vielleicht sogar dieses Land wünschen, in dem man Wörter erst teuer kaufen und schlucken muss, bevor man sie aussprechen kann.

Erfunden hat das sonderbare stille Land Agnès de Lestrade in ihrem 2009 erschienenen Bilderbuch, das von Valeria Docampo illustriert ist. Der Autorin geht es um Poesie und den Wert der Liebe und der Sprache. Die Geschichte um Paul, der dringend Wörter braucht, um der hübschen Marie seine Liebe zu gestehen, aber zu arm ist, um sie sich zu kaufen, hat das Theater Morgenstern auf die Bühne im Schlesiensaal des Rathauses Friedenau, Niedstraße 1, gebracht. "Es ist auch für uns Neuland, ein ganzes Theaterstück fast ganz ohne Wörter zu spielen", so Theaterchefin Pascale Senn Koch vor dieser dritten Premiere in der laufenden Spielzeit.

Das gelingt auf bezaubernde Weise. In aufwendig gestalteter Kulisse lässt Regisseur Daniel Koch seine drei Schauspieler mit großem Formenreichtum pantomimisch agieren - nur vom melancholischen Cellospiel Radu Nagys untermalt.

Paul (Selim Çinar) ist der Träumer und Romantiker. Deshalb schlägt er ein ums andere Mal geschmeidige Purzelbäume und schmilzt beim Anblick der bezaubernden Marie (Isa Flaccus) nur so dahin. Ihr will er seine Liebe gestehen. Was schwierig ist, weil er sich die passenden Wörter nicht leisten kann, nur solche im Sonderangebot, die so unbrauchbar sind wie jene, die man in Müllsäcken findet, weggeworfene Wörter wie "Hundekaka" oder "Hasenpipi".

Das ist nicht Pauls einziges Problem. Er hat einen Nebenbuhler, Oskar (Alex Schmidt). Der ist hauptsächlich damit beschäftigt, mit seinen Zeigefingern alles Maß zu nehmen, was ihm in die Quere kommt, auch Marie. Er kann es sich leisten, die "richtigen" schönen Wörter zu kaufen. Doch während Oskar nur so mit dem Geld um sich wirft für den Satz: "Ich liebe dich von ganzem Herzen, meine Marie. Eines Tages, das weiß ich, werden wir heiraten", hat Paul Marie dazu bewegt, die geheimnisvolle düstere Wörterfabrik zu erkunden, in der die teuren Wörter produziert werden. Ein Arbeiter dort hat Mitleid mit Paul und schenkt ihm drei Wörter: Kirsche, Staub und Stuhl.

Kann man mit Kirsche, Staub und Stuhl seiner Angebeteten eine Liebeserklärung machen? Man kann! Marie erkennt die Bedeutsamkeit der Worte. Weil sie selbst keine mehr besitzt, schaut sie Paul nur an und küsst ihn auf die Wange. Happy End also nach einem bewegten und bewegenden, gut 60-minütigen Spiel um den Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten von Gedanken und Gefühlen. Das erwachsene Premierenpublikum war begeistert. "Die große Wörterfabrik" ist beileibe nicht nur ein Stück für Kinder ab sechs Jahre.

Weitere Aufführungen sind am 19. und 20. März 10 Uhr sowie 22. März, 16 Uhr. Die Karten kosten zwischen fünf und zehn Euro und sind erhältlich unter 03329/69 73 50.

Karen Noetzel / KEN
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