Elfriede Brüning feierte ihren 102. Geburtstag

Zum Geburtstag eine Neuauflage. Elfriede Brüning mit ihrem Buch "Wie andere Leute auch". (Foto: Frey)

Friedrichshain. Sie hat sich überhaupt nicht verändert. Noch immer erscheint Elfriede Brüning locker 20 Jahre jünger, als sie in Wirklichkeit ist.

Am 8. November wurde die bekannte Schriftstellerin 102 Jahre alt. Gefeiert wurde in großem Rahmen im Wohnheim der Volkssolidarität in der Koppenstraße, wo die Jubilarin seit acht Jahren wohnt. Mit einem Empfang am Vormittag und Besuch von der benachbarten Kita am Nachmittag.Kein Problem für Elfriede Brüning, die wie gewohnt wach und aufmerksam das Treiben um ihre Person beobachte. Und dieses Interesse ist vielleicht eine Erklärung dafür, warum sie ein so ganz anderes Bild vermittelt, als man es normalerweise von Menschen in ihrem Alter gewohnt ist.

Dazu kommen der Beruf als Schriftstellerin und die Erfahrungen eines Jahrhundertlebens. 1910 in Berlin geboren, schreibt Elfriede Brüning bereits mit 16 Jahren erste Zeitungsartikel. Anfang 1933 hat sie ihren ersten Roman fertiggestellt. Anhand ihrer Familiengeschichte verarbeitete Elfriede Brüning darin die Erlebnisse und Erfahrungen während der Weltwirtschaftskrise. Ihr Vater musste seine Tischlerei aufgeben und wurde dadurch arbeitslos.

Erscheinen konnte das Buch mit dem Titel "Handwerk hat goldenen Boden" wegen der Machtergreifung der Nazis nicht mehr. Erst 1970 wurde es unter dem Titel "Kleine Leute" in der DDR gedruckt.

Elfriede Brüning, seit 1930 Mitglied der KPD, war Teil des kommunistischen Widerstandes, lieferte Beiträge für die Exilzeitschrift "Neue Deutsche Blätter" in Prag, wurde Ende 1935 verhaftet und zwei Jahre im Frauengefängnis in der Barnimstraße eingesperrt. Dort entstand "unter den Augen der Gestapo" der Liebesroman "Junges Herz muss wandern". Er gehört neben dem bereits 1934 entstandenen Buch "Und außerdem ist Sommer" sowie der Fischergeschichte "Auf schmalem Land" (1938) zu ihren einzigen Werken, die in der Nazizeit erscheinen durfte.

Das Kriegsende erlebte Elfriede Brüning in der Nähe von Magdeburg. Sie kehrte nach Berlin zurück und arbeitete nach einem kurzen Zwischenspiel bei der Zeitschrift "Sonntag" als freie Schriftstellerin. Zu ihrem Werkverzeichnis gehören mehr als 30 Romane und Erzählungen, Filmskripte, Portraits und ihre Autobiografie. Die Gesamtauflage liegt bei rund 1,5 Millionen. Vor allem die Lebens- und Arbeitswelt von Frauen war immer wieder Thema. Auch in ihrem 1983 entstandenen Buch "Wie andere Leute auch", das in diesem Jahr eine Neuauflage erlebt hat.

Obwohl in der DDR mehrfach ausgezeichnet, erregten ihre Frauenromane häufig den Argwohn der Kulturkritik. Und ihr Buch "Lästige Zeugen. Gespräche mit Opfern der Stalinzeit" konnte erst nach der Wende erscheinen.

Neue Bücher seien von ihr nicht mehr zu erwarten, sagt Elfriede Brüning. "Ich habe mich ausgeschrieben." Zu Lesungen und Veranstaltungen ist sie aber noch immer unterwegs. Wenige Tage nach ihrem Geburtstag zum Beispiel in Lüneburg und Brandenburg. "Ich würde das sogar noch öfter machen", sagt die 102-Jährige. "Aber wahrscheinlich denken viele, jemand in meinem Alter kann man nicht mehr einladen."


Thomas Frey / tf
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