Michael Kleeberg erfasst die "Lebenstotalität" des Mittelstandes

Das Cover von Michael Kleebergs 2014 erschienenem Roman "Vaterjahre". (Foto: Christian Schindler)

Frohnau. Ironie der Literatur: Während Friedrich Hölderlin es nie zu einem richtigen bürgerlichen Leben gebracht hat, wird Michael Kleeberg gerade dafür ausgezeichnet, dem deutschen Mittelstand auf den Grund gegangen zu sein.

Die Jury, die Michael Kleeberg den Preis zuerkannte, würdigt außer seinen Romanen auch die Essays und Übersetzungen. Doch vor allem die Figur des Charly Renn, die erstmals 2007 im Roman "Karlmann" das Licht der literarischen Welt erblickte und im 2014 erscheinen Roman "Vaterjahre" weiterlebt, hat es den Literaturexperten angetan: Kleeberg traue sich "nichts Geringeres, als die Lebenstotalität eines vermeintlichen Jedermanns in emotionale und psychologische Feinheiten zu zergliedern", heißt es in der Begründung.

Der von Kleeberg erfundene Charly Renn gehört eigentlich nicht zu den Personen, auf die Autoren sonst ihre Aufmerksamkeit richten. Er ist kein Außenseiter, kein Abenteurer, und seine psychischen Abgründe taugen nicht für einen Thriller. Was nicht heißt, das die Romane keine Spannung haben. Ob Renn auf einer Hamburger Brücke wegen einer Art Nervenzusammenbruch mit dem Auto stehen bleibt, sich der ostdeutschen Verwandtschaft seiner zweiten Ehefrau entzieht oder (obwohl im landläufigen Sinne gut situiert) neidvoll auf die Karrieren anderer blickt - Kleeberg lässt das Kaufmannsschicksal faszinierend leuchten, und erlaubt sich dabei manchen mal mehr mal weniger deutlichen Seitenhieb auf die Gegenwart. Eine eitle Karrierepfarrerin wird ebenso Thema wie die so unterschiedliche Stadtentwicklung von Hamburg und Berlin.

Der amüsierte Blick auf die Gegenwart bleibt jedoch nie kabarettistisch an der Oberfläche. Kleeberg, der schon mit 17 Jahren wusste, dass er Schriftsteller werden würde, schöpft aus einem riesigen Fundus humanistischer Bildung, nicht nur genährt aus einem Studium der Politischen Wissenschaften und Geschichte. 1959 in Stuttgart geboren, lebte Kleeberg in Rom, Amsterdam und Paris. Die in der französischen Hauptstadt gegründete Werbeagentur betrieb er so, dass ihm immer Zeit zum Schreiben blieb. Seit 2000 lebt er in Berlin. Zu seinen bisherigen Auszeichnungen gehören die des Mainzer Stadtschreibers 2008 und der Evangelische Buchpreis 2011 für den Roman "Das amerikanische Hospital". Zur Verleihung des Hölderlinpreises musiziert übrigens der Jazzer Michael Bardo Henning aus dem Künstlerhof Frohnau.

Der Roman "Vaterjahre" ist bei der Deutschen Verlagsanstalt München erschienen, hat 499 Seiten und kostet 24,99 Euro (ISBN 978-3-421-04355-9).

Christian Schindler / CS
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