Klemens Spittel ist Enkel eines Opfers

Klemens Spittel vor der Gedenktafel. (Foto: Drescher)
 
Paul von Essen wenige Jahre vor seinem Tod. (Foto: Drescher)

Köpenick. Wenn Klemens Spittel vor seinem Haus in der Siedlung Elsengrund steht, wird er immer an seinen Großvater erinnert. Und auch in der Adresse ist der Name von Paul von Essen enthalten.

Paul von Essen war kein adliger Großgrundbesitzer, sondern Arbeiter, Sozialdemokrat und Reichsbannerführer, (Reichsbanner war eine SPD-nahe Einrichtung zum Schutz der Weimarer Republik vor Feinden von rechts und links). Er hatte das Häuschen am heutigen Essenplatz wenige Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten bezogen. Am 21. Juni 1933 wurde er von zu Hilfspolizisten beförderten SA-Leuten verhaftet, gefoltert und vermutlich erschlagen. Seine Leiche wurde erst am 1. Juli 1933 an der heutigen Wendenschloßstraße aus der Dahme gezogen.

"Diejenigen, die in abgeholt haben, waren ja fast Nachbarn. Ich frage mich noch heute, warum diese Menschen Großvater so gehasst haben", sagt Klemens Spittel.

Er ist zehn Jahre nach dem Tod des Opas geboren und kennt die Geschichte der als "Köpenicker Blutwoche" bekannt gewordenen Ereignisse nur durch Erzählungen von Familienmitgliedern. Dabei ist auch einiges in Vergessenheit geraten. Als er vor gut einem Jahrzehnt auf dem Friedhof an der Kiefholzstraße nach dem Grab sehen wollte, war das dem neuen Krematorium gewichen. Auf dem neuen Friedhofsteil auf der anderen Straßenseite waren neue Gräber für NS-Opfer wie Paul von Essen angelegt worden. "Im Friedhofsbüro sagte man mir, dass aber nur die Urne von Ehefrau Elisabeth umgebettet werden konnte. Da erinnerte ich mich an Erzählungen, dass Nazis Großvaters Urne bereits in der Nacht nach der Beisetzung gestohlen hätten", berichtet Klemens Spittel.

Spittel blieb übrigens der Partei seines Opas, der SPD, lange treu. Nach dem Kriegsende war er Mitglied der Falken. Und nach dem Mauerfall trat er in die neu gegründete Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP) ein. "Ich habe die SPD dann aber wegen der Agenda 2010 und ihren sozialen Einschnitten verlassen", sagt Spittel.

Am 22. Juni um 11 Uhr ist Klemens Spittel auf jeden Fall dabei, wenn Walter Momper und andere Sozialdemokraten auf dem Essenplatz an seinen Großvater und die anderen Opfer der Blutwoche erinnern. Bereits einen Tag davor öffnet im früheren Gerichtsgefängnis, Puchanstraße 12, um 11 Uhr die neue Dauerausstellung zur Blutwoche, in der auch das Schicksal von Paul von Essen gewürdigt wird.

Vor fünf Jahren, zum 75. Jahrestag der Mordaktion gab es übrigens einen Eklat. NPD-Anhänger hatten ein Erinnerungsschild für drei SA-Banditen aufgehängt, die zu Beginn der Blutwoche von Anton Schmaus, einem Nachbarn, in Notwehr erschossen worden waren. "So eine Unverschämtheit wollen wir nicht noch einmal erleben", sagt Klemens Spittel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren rund 60 für die Morde verantwortliche Nazis vor Gericht gestellt worden. 15 erhielten die Todesstrafe, weitere 13 SA-Leute büßten mit lebenslanger Freiheitsstrafe für ihre Verbrechen. Ein Versuch von Angehörigen der Mörder, die Urteile nach dem Ende der DDR wegen übergroßer Härte zu kassieren, schlug fehl.


Ralf Drescher / RD
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