Norbert Martins dokumentiert Berliner Wandbilder

Norbert Martins vor einem neuen Lichtenberger Wandbild. In der Ruschestraße haben Potsdamer Künstler Zille-Motive gemalt. (Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Seit dem Jahr 1975 entstanden in Berlin rund 700 Wandbilder. Viele davon sind mittlerweile verschwunden, immer neue entstehen. Der Chronist Norbert Martins dokumentiert diese öffentliche Kunst.

"Fast jedes Wandbild hat eine Geschichte", weiß Norbert Martins. So wie das Wandbild einer Elefantenherde, das seit 1987 zehn Jahre lang auf der Hausfassade Am Tierpark 33 direkt am Nordeingang des Tierparks Berlin zu sehen war. "Eigentlich wollte der Künstler Wolf-Ullrich Friedrich keine Elefanten, sondern Kamele malen", erzählt Martins. Aus Gesprächen mit dem Künstler erfuhr er: "Weil sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Parteibüro befand, wurde ihm das untersagt", lacht Martins. Heute verdeckt ein Neubau auf dem Nachbargrundstück das elefenatös-schöne Wandbild.

Der 67-jähriger Norbert Martins hat die Jagd nach solchen wertvollen künstlerischen Objekten in Berlin zu seiner Leidenschaft gemacht. "Viele Wandbilder existieren kaum 15 Jahre. Ich dokumentiere sie in meinen Bildern, spreche mit den Künstlern." Seine fotografische Chronik hat er in einem eigenen Buch dokumentiert. "Hauswände statt Leinwände" versammelt eine Auswahl der schönsten Wandbilder der vergangenen 40 Jahre. Geordnet nach Bezirken können in dem Buch viele verschwundene, aber auch noch existierende Bilder neu entdeckt werden. So wie das Wandbild am mittlerweile sanierungsfälligen Altbau an der Hauptstraße 11, das aus dem Jahr 1979 stammt. Auch hier hatte der Künstler Wolf-Ullrich Friedrich den Entwurf für den in farbigen Sedimenten geschichteten "lichten Berg" geliefert. Auch dieses Bild hat eine Geschichte: "Der Entwurf sah eigentlich noch einen Luftballon vor. Weil es im Jahr der Entstehung des Bildes jedoch zwei Familien gelang, mit einem selbstgenähten Luftballon aus der DDR zu flüchten, verbot der Rat des Stadtbezirks Lichtenberg die Zeichnung des Luftballons."

Ob abstrakte, grafische Arbeiten oder Illusionsbilder - heute bereichern die Wandbilder fast selbstverständlich den Stadtraum. "Im Gegensatz zu vielen Graffiti sind es legale Arbeiten, entstanden im Auftrag privater Hausbesitzer oder anderer Finanzierungsträger wie Wohnungsbaugesellschaften", sagt der passionierte Giebelfotograf Martins. Gerade in Lichtenberg entstanden in den vergangenen Jahren viele bedeutende Wandbilder. Zu den größten der Welt zählt das 22 000 Quadratmeter große "Friedrichsfelder Tor", das die Künstlergruppe Cité Création für die Plattenbauten der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität an den Straßen Am Tierpark und Alt-Friedrichsfelde schuf. Zu den expressionistischsten zählt wohl das Bild von Christian Awe aus dem Jahr 2012, das im Auftrag der Howoge in der Frankfurter Allee 129 entstand. Doch immer wieder verschwinden auch wichtige Bilder aus dem Stadtbild. Das besonders wegen seiner politischen Aussage und Tradition international bekannte Wandbild "Nicaragua" aus dem Jahr 1978 von Manuel Garcia Moia in der Skandinavischen Straße 26 wurde 2005 noch mit Hilfe einer Bürgerinitiative restauriert. Doch neue Schäden machten das Bild letztlich zunichte. Es wurde schließlich übermalt.

Das Buch "Hauswände statt Leinwände. Berliner Wandbilder" von Norbert und Melanie Martins ist im Buchhandel für 29,90 Euro erhältlich oder unter www.norbert-martins-wandbilder-berlin.de bestellbar.

Karolina Wrobel / KW
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