Eine Ausstellung widmet sich der fast vergessenen Künstlerin Unica Zürn

Schaubuden und Artisten, wie sie Kuratorin Dagmar Schmengler am Beispiel eines Camaro-Bildes zeigt, haben Unica Zürn in ihren Bann gezogen. (Foto: KEN)
 
In einer Vitrine: Unica Zürn, 1956 von Man Ray fotografiert, und eine Doppelseite aus den zwei Jahre zuvor erschienenen "Hexentexten" mit Zeichnungen und Annagrammen. (Foto: KEN)
Berlin: Camaro-Haus |

Tiergarten. Was für ein Glück, dass die Ausstellung „Unica Zürn Camaro Hans Bellmer in Berlin“ verlängert wird. So bleibt einem breiteren Publikum noch mehr Zeit für eine Wiederentdeckung, vor allem der Schrifstellerin und Zeichnerin Unica Zürn.

Bis Anfang Juli zeigt die Alexander-und-Renata-Camaro-Stiftung in der Potsdamer Straße 98a Arbeiten der drei Künstler im Spannungsverhältnis zueinander. Im Mittelpunkt aber steht – zum ersten Mal überhaupt in einer Exposition – Unica Zürn und ihre prägenden Berliner Jahre.

Dieser Blick ist möglich, weil schon bei den Vorbereitungen für die Ausstellung „Camaro und das Künstlerkabarett Die Badewanne“ 2014 Briefe Zürns an Alexander Camaro entdeckt wurden. „Wir haben sie damals zurückgehalten“, sagt Kuratorin Dagmar Schmengler. Was die Briefe zeigen: Zürn und Camaro hatten eine vierjährige Liebesbeziehung, und sie haben sich gegenseitig künstlerisch beeinflusst. Große Faszination auf Zürn übten Camaros Bildwelten von Schaubuden und Artisten aus.

Zuvor hatte die 1916 in Grunewald als Nora Berta Ruth geborene Unica Zürn bei der Ufa gearbeitet. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder. 1949, Berlin lag in Trümmern, begegnete Unica Zürn dem aus Breslau stammenden Maler und Tänzer Alexander Camaro (1901-1992), bürgerlich Alphons Bernhard Kamarofski. Zürn verkehrte in der Künstlerboheme um das Kabarett „Die Badewanne“ in der Femina-Bar an der Nürnberger Straße, deren Mitbegründer Camaro war.

Zürn und Camaro werden ein Paar. Unica Zürn verlässt für ihn ihre Familie. Sie verdient ihren kargen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Geschichten, die in Berliner Zeitungen veröffentlicht werden. Häufig beziehen sich ihre Texte auf Bilder von Camaro. Später wird sie über diese Zeit sagen, sie sei „wie ein Fenster in eine andere Welt“ gewesen.

1953 trat ein zweiter Künstler in Unica Zürns Leben, der ihre literarisch-zeichnerische Entwicklung nachhaltig beeinflusst. Es ist der Maler und Grafiker Hans Bellmer (1902-1975), bekannt für seine Fetischkonstruktionen aus Teilen von Schaufensterpuppen, Holz, Metall und Gips, die er in verschiedenen Positionen fotografiert. Zürn geht mit Bellmer nach Paris. Sie bewegen sich in der dortigen Surrealistenszene. Zürn kann mehrfach in Paris ausstellen und erfährt Anerkennung für ihre Zeichnungen und Anagramme. Anfang der 60er-Jahre wird bei Unica Zürn eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. In den Folgejahren hält sie sich daher mehrfach in Kliniken auf. Am Morgen nach der Entlassung aus einer Klinik, am 19. Oktober 1970, stürzt sich Unica Zürn aus Hans Bellmers Wohnung im sechsten Stock in den Tod.

Die Schau im Camaro-Haus mit rund 100 Exponaten aus privaten Sammlungen – Gemälden und Aquarellen, Zeichnungen, Fotografien, Kurzprosa und Briefen – distanziert sich bewusst von Unica Zürns Krankheitsgeschichte. „Wir wollten uns nicht allein auf Krankheit und Traumata festlegen“, so Dagmar Schmengler. Die Ausstellung zeigt vielmehr eindrücklich, dass Zürn eben nicht bloßes Anhängsel Camaros und Bellmers war, sondern eine literarisch-künstlerisch eigenständige Persönlichkeit. KEN

Ausstellung ist bis 6. Juli dienstags bis sonnabends von 13 bis 17 Uhr, mittwochs von 13 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die Finissage am 6. Juli beginnt gegen 20 Uhr. Höhepunkt ist eine Open-Air-Vorführung von Friederike Becks preisgekröntem Film „Unica Zürn. Sämtliche Werke“ (1994/1995).
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