"Meine Mutter könnte es kaum glauben"

Mehr als nur ein Namensschild: Die nun enthüllte Tafel nennt nicht nur Martha Jacob, sondern erklärt auch ihr Schicksal. (Foto: Schubert)

Westend. Erst kämpfte sie um sportliche Erfolge, floh dann vor nationalsozialistischer Verfolgung. Nun erhielt Martha Jacob posthum die verdiente Ehrung. Zur Einweihung des Platzes, der ihren Namen trägt, erschien Tochter Hazel Shore aus Südafrika und bedankte sich mit Tränen in den Augen.

Ein abendlicher Sonnenstrahl durchstößt die Gewitterwolken, tanzt über die noch verhüllte Namenstafel. Daneben ringt eine weit gereister Gast um Fassung. An einen Ort, an dem Deutsche ihre Mutter Martha Jacob nicht mehr dulden wollten, obwohl sie in den 20er-Jahren als Speerwerferin des SC Charlottenburg und Bar Kochba - heute TuS Makkabi - glänzende Erfolge errang. "Meine Mutter könnte es kaum glauben", sagt Hazel Shore. Die Tatsache, dass sie hier zur Einweihung der Martha-Jacob-Platzes steht, zeige, wie sehr sich Sportsgeist lohnt. "Ihr Mut und ihre Entschlossenheit, über sich selbst hinauszuwachsen, sind ein Vorbild für die heutige Jugend, sich anzustrengen, ihre Ziele zu verfolgen", sagt die Südafrikanerin über ihre Mutter, die 1933 wegen ihrer jüdischen Wurzeln emigrieren musste.

Was für ein Ort ist dieser neue Platz? Es handelt sich um eine markante Senke an der Kreuzung Teufelsseestraße und Boyenallee, südlich des S-Bahnhofs Heerstraße. Ein Platz zum Ausruhen und Verweilen, bestanden mit knorrigen Bäumen, bestückt mit Tischen und Stühlen eines Cafés. Als inoffizielle Bezeichnung hatte sich laut Stadtrat Marc Schulte (SPD) der Name "Soldauer Platz" eingebürgert, obwohl der in Wirklichkeit ein Stück weiter liegt. Dass anlässlich des Gaza-Kriegs in Deutschland wieder antisemitische Parolen die Runde machen, nennt Schulte "beschämend und in keiner Weise akzeptabel".

Verantwortlich fühlt sich auch Andreas Statzkowski, der in einer Doppelrolle als Sport-Staatssekretär und amtierender Präsident des SC Charlottenburg das Wort ergreift. "Wir bekennen uns zu unserer Geschichte", sagt Statzkowski und erinnert daran, dass im Mommsenstadion seit November 2006 eine Gedenktafel an das Schicksal jüdischer Sportler gemahnt.

Immerhin nicht weit von den früheren Wirkungsstätten Martha Jacobs gibt es nun mit dem neu benannten Platz also einen zweiten Erinnerungsort. Doch nur in Gedanken an die Vergangenheit zu verharren, das wäre nach Ansicht von Hazel Shore nicht das, was ihre Mutter im Sinne hätte. Ihr herzlich-sportliches Motto sei gewesen: "Wenn Du etwas liebst, dann mach es." So ist es Hazels Wunsch, dass sich der Martha-Jacob-Platz mit Leben füllt.

Wie das gelingen kann, dazu hat die Grünen-Fraktion des Bezirks bereits eine Idee: "Urban Gardening" soll es hier geben, Gemüseanbau auf einem öffentlichen Gelände. Shore wird dem nicht im Wege stehen und wählt, nachdem sie die meiste Zeit beim Englischen geblieben ist, als Erwiderung ein Wort der Sprache ihrer Mutter: "Wunderbar!"


Thomas Schubert / tsc
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