So funktioniert die Willkommensklasse der Ebert-Oberschule

Sprache als Schlüssel: Der 16-jährige Tim hält große Stücke auf seine Lehrerin Anne Muras, die ihm im Nu die schwere deutsche Grammatik lehrt. (Foto: Schubert)

Wilmersdorf. Sie stammen aus Syrien, Polen und Amerika. Und sie erhoffen sich von Deutschland eine lebenswerte Zukunft. Schüler unterschiedlichster Herkunft sitzen in der Friedrich-Ebert-Oberschule vor der gleichen Tafel. Hier lernen sie zunächst nichts anderes als Verständigung.

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Tim und Kesja haben ihre Köpfe über das Arbeitsblatt gebeugt, kritzeln Lösungen, halten einen leisen Plausch. Ihre Geburtsländer sind Tausende Kilometer von einander entfernt. Und bis vor sieben Monaten mussten sie sich noch mit Händen anzeigen, was sie einander sagen wollen. Sieben Monate sind seit der ersten Schulstunde hier in der Willkommensklasse der Friedrich-Ebert-Oberschule in der Blissestraße 22 vergangen. Erst verstanden sie sich nur durch Lachen. Jetzt sprechen Tim und Kesja - eine polnische Muttersprachlerin - Deutsch.

Was sie als Banknachbarn gemeinsam notieren müssen, sind Aussagen zu aktuellen Nachrichten, die ihnen Lehrerin Anne Muras eben per Beamer an die Wand warf. "Hat Bayern München gegen Leverkusen unentschieden gespielt?", lautet eine Frage auf dem Blatt. "Wie viele Medaillen haben deutsche Athleten bei den Paralympics gewonnen?", heißt eine andere. Und dann ist da natürlich das Mysterium um die verschwundene Boeing der Malaysian Airlines. Warum sie laut Experten verschwunden ist, will Muras wissen. "Weil das Flugzeug die Richtung geändert hat", notiert Tim. Ohne jeden Fehler.

Die eine Hälfte seines Lebens hat er in Boston verbracht - die andere in Syrien. Englisch und Arabisch, schön und gut. Aber die deutsche Sprache? Das war für den 16-Jährigen ein anderes Kaliber. "Richtig schwer", gesteht Tim. "In dieser Klasse kann ich alle gut verstehen. Aber in einer mit deutschen Kindern wäre das hart."

In Wirklichkeit spricht Tim in einer Flüssigkeit, dass man ihm seine kurzfristige Einreise kaum glauben würde. "Wir kommen aus einem Land mit Krieg", erwähnt er nur beiläufig. Sein Vater ist in Syrien geblieben, lebt zum Glück in einem nicht umkämpften Gebiet.

Und Tim ist noch nicht sicher, in welchem Land er Arzt werden will. Schulleiter Peter Danz hofft, dass es Deutschland sein wird. "Es wäre eine unglaubliche Verschwendung, solche intelligenten Jugendliche scheitern zu lasen", gibt er sich überzeugt. Zum Konzept der Willkommensklasse habe man keine Alternative, auch wenn die Grundvoraussetzungen der Teilnehmer noch so verschieden sein mögen. "Wir finden genau dadurch den richtigen Zugang, indem wir ihnen die Sprache beibringen", sagt Danz. "Alle haben das gleiche Bedürfnis: Verständigung."

Ein Jahr lang intensiv Deutsch lernen, dann in eine Regelklasse rücken. Das funktioniert. Und es ist nicht so, dass nur die Schüler zu lernen hätten. Von den deutschsprachigen Nachrichten inspiriert, stöbern sie auf ihren Smartphones in den Zeitungen ihrer Heimatländer. "Das Flugzeug hatte Gold an Bord", ruft ein Junge. Anne Muras stutzt und schmunzelt. Nach einer Weile sagt sie: "Also das hatte ich noch nicht gehört."


Thomas Schubert / tsc
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