Reinhard von Bronewski denkt beim Thema Heimat an viele schöne Erinnerungen

Das Foto aus dem Jahr 1982 zeigt meinen Sohn Michael an der Argentinischen Allee, ungefähr auf der Höhe der heutigen Truman Plaza. Er beobachtet US-Panzer auf der Rückfahrt vom Übungsgelände Parks Range in Lichterfelde Süd zurück zur Panzerkaserne Hüttenweg. (Foto: Reinhard von Bronwski)
 
1966 das erste Auto: ein 1300er VW-Käfer. Die Aufnahme entstand an der Ecke Onkel-Tom-Straße, Eschershauser Weg. Links ein dreirädriger Gemüsewagen, der den Kiez damals zu festen Zeiten belieferte. (Foto: Reinhard von Bronewski)

Zehlendorf. Wie die meisten Nachkriegskinder in Zehlendorf, kam auch ich im „Haus Dahlem“ (Lentzeallee) zur Welt. Ich wohne seit meiner Geburt unweit des U-Bahnhofs Onkel-Toms-Hütte. Sein Name wurde mit einem schon lange nicht mehr existierenden Ausflugsrestaurant am Riemeisterfenn geschaffen, eine andere interessante Geschichte. Kann mich noch gut erinnern wie an Wochenenden die laute Kapellenmusik in unser Wohnviertel drang.

Mit dem Begriffe "Heimat" verbinde ich die unzähligen schönen Erinnerungen in meinem Leben. Diese Erinnerungen, ob aus dem Kindes-, Jugend-, oder Erwachsenenalter haben für mich den Begriff Heimat wie eine Gravur in die Baumrinde geritzt. Selbst etliche negative Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten können das „Flair meiner Heimat“ nicht mehr erschüttern. Als Kind und Jugendlicher war meine Welt in den 50er-Jahren noch sehr begrenzt. Zehlendorf, Steglitz und Wilmersdorf, meistens zu Einkaufstouren mit der Straßenbahn aufgesucht, rahmten meine Welt damals ein. Es gab ja schon seit meiner Geburt die West- und Ostzone Berlins. Meine Heimat bestand u.a. auch aus dem damals noch für mich unüberschaubaren Grunewald, welcher praktisch vor meiner Haustür begann. Dort waren die nach 1945 aufgeforsteten Kiefer-Schonungen noch sehr niedrig, die großen Bäume dienten in den letzten Kriegswintern als "Kachelofenfutter", wurden fast alle abgeholzt.

Im Sommer zog es viele Berliner mit Milchkannen in den Wald, um dort Himbeeren und Brombeeren zu ernten und im Herbst die Massen von Pilzen. Der Wald war noch voller leckerer Früchte. Als 10-Jähriger besaß man, sofern es finanziell den Eltern möglich war, einen Ballonreifenroller. Meiner war weinrot und mein ganzer Stolz. An ein Fahrrad brauchte man in diesem Alter noch nicht zu denken, bekam mein erstes Rad (Marke: Bauer) als ich 15 war. Die Volljährigkeit erreichte man sowieso erst mit 21 – was für eine lange Durststrecke für einen jungen Menschen.

Mein Heimatgefühl wird durch viele kleine Dinge des Lebens geprägt. Es waren zum Beispiel die unzähligen kleinen "Tante Emma" Läden, die unzähligen kleinen Wunschträume, die man sich für wenige Pfennige noch selbst erfüllen konnte! Geld war in meinem Umfeld überall knapp, insbesondere für die Sachen, die heute für jedermann völlig normal und in Hülle und Fülle da sind. Man freute sich noch über kleine Errungenschaften. Schokoladen-Schwan-Täfelchen aus dem Automaten für 10 Pfennig oder kleine 50 Gramm Schokoladen der Marke KARINA für 45 Pfennig lösten schon so manche Glücksgefühle aus. Eine 6-er Packung „Bergheiser Negerküsse" kostete das gleiche, was für eine Leckerei. In der Schule lernte man ja auch noch das Lied: „10 kleine Negerlein“ und kam nicht so wie heute gleich ins Licht ein Rassist zu sein! Eine leere Pfandflasche erbrachte 20 Pfennig. Ihr Gegenwert war zum Beispiel ein herrliches Eis. Eine Kugel gab es bereits für 10 Pfennig, den „Kalten Kuss“ (Vanilleeis mit Schoko-Überzug in blausilberner Folie verpackt) für 20 Pfennig. Es wurde gerne geteilt, am Ende damit auch die Freude. Die Kinder spielten noch täglich draußen und verbrachten nicht ihre gesamte Freizeit am Computer.

Mit 15 Jahren konnte man sich als Brötchenjunge, natürlich vor Schulbeginn, einen kleinen Nebenverdienst schaffen. Bäcker, die noch per Handarbeit alles selbst schufen, gehörten überall dazu. Fabrik-Massenware, wie heute angeboten, wollte kaum jemand erwerben.

Man hatte noch gegenseitigen Respekt und die Kriminalität war im Vergleich zu heute sehr gering. Graffiti war noch nicht erfunden und achtlos weggeworfen wurde selten etwas. Die damalige Generation wusste auch, dass eigene Leistung immer – vor – dem Erfolg und der „Ernte“ stehen. Und heute?

Hier in Zehlendorf wohnten und arbeiteten auch die Soldaten der US-Schutzmacht. Sie gehörten hier zum Alltagsbild, waren beliebt. Selbst der tägliche Schießlärm, der aus dem Wald drang, wurde nicht kritisiert, die Behinderungen durch Militärkolonnen sogar tolerant hingenommen. Die West-Berliner schätzten ihre Freiheit und wussten, dass diese hier durch die hartnäckige Präsenz der West-Alliierten bewahrt wurde. Das traurige Gegenteil sah man ja dann bald jenseits der Mauer. Bis zu den „68“-Protest-Jahren waren auch noch einige gefährliche Krisenzeiten zu überwinden. Wer erinnert sich heute noch daran?

Mein nicht vorhandenes Taschengeld erlangte ich durch von meiner Oma mir gelegentlich spendierte Rabattkarten. Diese wurden von etlichen Geschäften wie z.B. „Butter Beck“ ausgegeben. Nach 50 DM Einkauf boten diese Karten 1,50 DM Reingewinn im wahrsten Sinne des Wortes. (15 Kugeln Eis oder 7 Stück Kuchen, z.B. Schnecken in vielen Varianten! ) Für mich war das noch wie ein Treffer im Lotto! Auch mit dem Verkauf von den unzähligen, von US Soldaten im Wald achtlos zurückgelassenen leeren Platzpatronenhülsen (Messing), konnte man sich so manchen Wunsch erfüllen. Durch den Verkauf des begehrten Altmetalls verdoppelten viele Rentner damals (Mitte der 50er- bis Ende der 60er-Jahre) problemlos ihr monatliches Einkommen.

Alle diese Erinnerungen prägen für mich das Wort "Heimat". Diese ist für mich Berlin-Zehlendorf mit seinen vielen schönen Orten, die an jeder Ecke noch ihre eigene, spannende Geschichte erzählen können! Reinhard von Bronewski
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