Getestet: Wie fühle ich mich als alter Mensch?

Betreut von Claudia Hagelstein versucht Sigrid Block, in ihrem Geschäft im Altersanzug einen Schuh aus dem unteren Regal zu begutachten. (Foto: Wecker)

Charlottenburg. Wie bewegt man sich, wenn man 80 Jahre alt ist? Wo sind die Stolperfallen im Laden? Warum sieht das lilafarbene Kleid plötzlich braun aus? In einem Selbstversuch testeten Einzelhändler im Kiez Klausenerplatz die "Alterstauglichkeit" ihrer Geschäfte.

Für den wirtschaftlichen Erfolg wird es entscheidend sein, wie sich die Geschäftsleute auf die zunehmende Überalterung der Bevölkerung einstellen. 2030 werden ein Drittel mehr Bürger älter als 65 Jahre sein, als es heute der Fall ist. Die Anzahl der über 80-Jährigen wird sich gegenüber heute fast verdoppeln. Ihre Anzahl wird um 87,3 Prozent - von 136 000 auf 256 000 - zunehmen. Besonders heftig wird sich diese Entwicklung im Bezirk niederschlagen. Charlottenburg-Wilmersdorf hat bereits heute nach Steglitz-Zehlendorf mit 45,7 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt. Im deutlichen Unterschied zu Gesamtberlin sind bereits heute mehr als die Hälfte der Charlottenburger (Charlottenburg-Nord und Westend nicht mitgerechnet) über 60 Jahre alt (54,79 Prozent). Die restlichen Charlottenburger Ortsteile hinzugenommen, sind es 56,9 Prozent. Das ist mehr als das Doppelte des Berliner Durchschnitts von 24,74 Prozent.Das "Büro Blau" hat - unterstützt von der Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes - im Kiez Klausenerplatz untersucht, wie sich der Handel auf diese Entwicklung einstellt.

Am 30. September besuchten Mitarbeiter einige Geschäfte. Sie hatten einen Altersanzug, einen "Age Explorer", dabei. Das ist eine Art Astronautenanzug, der die Gliedmaßen derart versteift und beschwert, dass sich sein Träger um Jahrzehnte gealtert fühlt. Die Geschäftsleute schlüpften hinein und machten erstaunliche Entdeckungen. In der "Moderia Kerstin" am Spandauer Damm sah das schicke lila Kleid plötzlich braun aus. Im Schuhgeschäft Bergemann am Horstweg wurden die Anprobe und das Bücken zum unteren Regal zur Qual und im Eiscafé Fedora in der Nehringstraße ließ sich die Tasse Kaffee nur schwerlich ohne Zittern zum Mund bewegen.

Während ältere Kunden die Schwelle zum Laden noch überwinden können, kann sie für Rollstuhlfahrer zum unüberwindbaren Hindernis werden. Manche Geschäftsleute haben sich darauf mit einer kleinen Rampe eingestellt, andere haben eine Klingel an der Tür und wiederum andere vertrauen darauf, dass die Behinderten sich durch Klopfen an das Schaufenster bemerkbar machen. "Wenn sich der inhabergeführte Einzelhandel auf den demografischen Wandel einstellt, kann er gegenüber den Niedrigpreisanbietern Wettbewerbsvorteile erzielen", folgerte Sandra Schneider vom "Büro Blau" aus dieser Kieztour. Bereits heute verfügen die Senioren jenseits der 60 Jahre über ein Drittel der Kaufkraft. Sie geben das Geld vorrangig für Gesundheitspflege, Haushaltsführung und für Reisen aus, ergab ihre Untersuchung im Kiez. Sie empfiehlt ausdrücklich, in Kiezblättern Anzeigen zu schalten: "Denn diese Blätter werden von den Senioren gelesen und deren Empfehlungen werden wie Mundpropaganda behandelt."


Frank Wecker / FW
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