In der Bibliothek lesen Ehrenamtliche Kindern vor

Zoe (5) zeigt zusammen mit ihrer Mutter Laurencja Schekahn eines ihrer selbst gefertigten Bücher. (Foto: Christian Schindler)
 
Vorleserin Sybille Bach mit ihren gespannten Zuhörern Ethem, Emre und Mehdi (von links). (Foto: Christian Schindler)

Falkenhagener Feld. In unserer neuen Kiez-Serie erscheint heute der dritte Teil "Rund um die Westerwaldstraße". Volksblatt-Reporter Christian Schindler hat die Vorlesestunde in der Stadtteilbibliothek besucht und mit Kindern, Vorlesern und Eltern gesprochen.

Immer donnerstags verändert sich der Lärmpegel in der Stadtteilbibliothek Falkenhagener Feld an der Westerwaldstraße 9. Die Ruhe, in der Leseratten in Büchern schmökern und nach interessanter Lektüre, CDs oder DVDs suchen, wandelt sich in einen Sprachteppich. Dann haben ehrenamtliche Vorleserinnen des Vereins Lesewelt an den Tischen in der Mitte des Hauptsaals Platz genommen, zusammen mit Zuhörern im Alter von vier bis zwölf Jahren. Die Tische stehen in einem solchen Abstand voneinander, dass sich die Vorleserinnen akustisch nicht in die Quere kommen.

Die Kinder achten konzentriert auf ihre jeweilige Vorleserin - so konzentriert, dass sie das gerade Gehörte schnell mit der Welt außerhalb der Literatur verbinden. Ein aufgewecktes Mädchen spricht zum Beispiel den Reporter, der sich handschriftlich Notizen macht, auf entfernte Berufskollegen an - die Mönche, die vor Erfindung des Buchdrucks Bücher handschriftlich vervielfältigten. Vorleserin Sybille Bach las nämlich gerade eine Geschichte von Fabian Lenk, in der Kinder in einen Krimi in einem Kloster verwickelt werden. Und als Sybille Bach mit den Kindern darüber spricht, was die Menschen in einem Kloster so tun, fällt dem Mädchen angesichts des schreibenden Reporters schnell das Skriptorium ein - der Ort, an dem Mönche Handschriften anfertigen.

Das Mädchen kennt nicht den Begriff, aber es weiß schon um die handschriftliche Vervielfältigung von Büchern. Und daran erinnert es den schreibenden Reporter. Später soll das Mädchen wegen einer Scheidungsgeschichte der Eltern nicht aufs Foto. Doch auch, wenn es in der Familie Schwierigkeiten gibt, bleibt der Eindruck, dass dieses Mädchen seinen Weg erfolgreich gehen wird. Es ist klug und neugierig.

Vorleserin Sybille Bach kennt viele solcher Kinder. Seit 2005 engagiert sich die Kladowerin als Vorleserin und trifft an der Westerwaldstraße auf junge Menschen, die sich über das Lesen die Welt erschließen lassen. Bach hat schon ihrer heute 22-jährigen Tochter regelmäßig vorgelesen. Jetzt ist das Lesen eine spannende Abwechslung vom Büroberuf. Besonders gefreut hat sie sich einmal, als bei einem Gespräch über Zukunftswünsche ein Kind sagte, es wünsche sich ein Zimmer voller Bücher. Dabei weiß auch Sybille Bach, dass die Überzeugung von der segensreichen Wirkung der Literatur manchmal naiv sein kann. Kinder, die ständig störten, hat sie auch schon mal aus der Vorleserunde geschickt. Für die Reise in die Fantasie fordert sie Disziplin - und bekommt diese meistens auch.

Noch einen Schritt weiter als ihre Mitzuhörer geht die fünfjährige Zoe. Sie hört nicht nur zu, sie fertigt im Kindergarten schon ihre eigenen Bücher an, mit Bildern, und auch mit Text. "Sie ist von Klein auf daran gewöhnt, dass ihr Mama und Papa vorlesen", erklärt Mutter Laurencja Schekahn. Sie kommt mit ihrer Tochter regelmäßig in die Vorlesestunde der Stadtteilbibliothek. Auf die gebürtige Schlesierin haben diese Erlebnisse eine ganz besondere Wirkung. Die Lehramtsstudentin, die sich bisher auf Naturwissenschaften konzentriert, überlegt, ob sie nicht zur Pädagogik wechseln soll, am besten für kleine Kinder.

Die im Dezember 2012 in einem ehemaligen Supermarkt neu eingerichtete Stadtteilbibliothek ist nicht nur mit solchen biografischen Ergebnissen eine Erfolgsgeschichte. 2013 zählte sie knapp 58.000 Besucher. Laut Leiterin Regina Schulze-Dau kommen pro Halbjahr rund 5000 Kinder und Jugendliche in die Bildungseinrichtung. Rund 20 Kinder finden sich regelmäßig zu den Vorlesedonnerstagen ein.


Christian Schindler / CS
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