Erinnern, helfen und Leben retten: Bezirksmedaille und Jugendengagementpreis verliehen

Ohne viel Nachdenken das Richtige tun: Lebensretterin Neira Alic (Mitte) mit Bürgermeisterin Monika Herrmann (rechts) und Stadträtin Clara Herrmann. (Foto: Thomas Frey)
 
Bezirksmedaille und Jugendengagementpreis 2017. Das Gruppenbild. (Foto: Thomas Frey)

Friedrichshain-Kreuzberg. Der Junge stolperte und flog ins Gleisbett. Auf der Anzeigetafel stand: Zwei Minuten bis zur Einfahrt des Zugs.

Neira Alic (18) sah dieses nahe Unglück so wie andere Menschen am 14. November 2016 auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofs Strausberger Platz. Aber nur sie reagierte zunächst. Neira sprang dem Jungen hinterher, griff ihn und zog den Elfjährigen mit Hilfe eines Mannes heraus. Gerade noch rechtzeitig, bevor die U-Bahn kam. Für diesen Einsatz, der ein Leben rettete, wurde die Schülerin des Andreas-Gymnasiums am 30. Juni mit dem Jugendengagementpreis Friedrichshain-Kreuzberg geehrt. Sie war eine von drei Personen, die diese Nachwuchsauszeichnung erhielten, die auch an eine Schule ging. Ebenfalls vier Preisträger gab es für die Bezirksmedaille.

Bei der Bezirksmedaille handelt es sich um eine schon traditionelle Würdigung für besonderen Einsatz für das Gemeinwohl. Herausgehoben wird nicht zuletzt langjähriges Engagement. Bereits aus diesem Grund geht sie in der Regel an Erwachsene. Um auch die vielen selbstlosen Aktivitäten von Jugendlichen Anerkennung zu zollen, gibt es seit vergangenem Jahr den Jugendengagementpreis.

Beide zusammen standen auch am 30. Juni für ganz unterschiedliche Facetten bürgerschaftlicher Betätigung. Mal ging es um ein gesellschaftliches Anliegen, wie dem schon Jahrzehnte langen Kampf von Aydin Akin für ein Wahlrecht für alle hier lebenden Menschen anderer Herkunftsländer. Mal um schnelle und unbürokratische Hilfe der Ärztin Dr. Renate Schüssler, die in den Wochen nach dem November 2015 für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in den Turnhallen des Bezirks sorgte. Der Verein mog61 (steht für Mittenwalder ohne Grenzen) setzt sich für mehr Miteinander in seinem Kiez ein. Ausgedrückt nicht nur durch das alljährliche Straßenfest.

Emal Yarcan ist ebenso wie Gabriele Döring, die wegen Krankheit nicht teilnehmen konnte, ehrenamtlich im MehrGenerationenHaus an der Wassertorstraße aktiv. Sie kocht dort während der Woche täglich 30 bis 40 Mittagessen, vor allem für Kinder. Der große Zulauf spricht erst einmal für ihre Kochkünste. Aber er verweist auch auf die Situation vieler Familien im Wassertorkiez. Warum sie das macht? "Ich habe Kinder und ich koche gern", sagt die 39-Jährige. Mit beidem steht sie wahrscheinlich nicht allein. Aber nur wenige leiten daraus einen Dienst für die Allgemeinheit ab.

Ähnlich breit war das Bild beim Jugendengagementpreis. Mit Odin Leipner (13) und Johannes Behrens (17) wurden zunächst zwei äußerst engagierte Schüler geehrt. Klassensprecher, Mitglied im Schulparlament, beziehungsweise stellvertretender Schulsprecher sind dabei nur einige ihrer Ämter. Odin aus der Blumen-Grundschule hat sich außerdem für das Einrichten einer Schulbibliothek eingesetzt, dafür 500 Euro vom Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro locker gemacht und außerdem die Ausleihe organisiert. Weitere Aktivitäten betrafen unter anderem das Aufstellen von Regeln für eine Schneeballschlacht. Solche Wintervergnügen sind eigentlich auf Schulhöfen nicht so gerne gesehen. Aber Odin setzte durch, dass das Werfen mit Schneekugeln stattfinden kann, wenn sich alle an die Vorgaben halten.

Johannes Behrens, wie Neira Alic vom Andreas-Gymnasium, engagiert sich dort in Projekten wie "Schüler helfen Schülern" oder "Fit fürs Abi". Dabei geht es unter anderem darum, den Klassen aus der Mittelstufe die Angst vor der Reifeprüfung zu nehmen. Auch für eine Handyverordnung an seiner Oberschule hat er gesorgt. Und dabei wahrscheinlich das eine oder andere Zugeständnis beim Nutzen der Mobilgeräte herausgeschlagen.

Das Heinrich-Hertz-Gymnasium ist vor allem als mathematisch-naturwissenschaftliche Vorzeigeschule bekannt. Was aber nicht heißt, dass sich die Schüler dort für anderes weniger interessieren. Die Klasse 9/3 zeigte das mit mit ihrem Stolpersteinprojekt. Sie erforschte dabei die Geschichte des Mathematikers Alexander Grothendieck und seiner Familie. Die Klasse recherchierte deren Biografien, initiierte eine Ausstellung, die jetzt in der Schule zu sehen ist, und finanzierte einen Stolperstein, der im März vor dem einstigen Wohnhaus in der Brunnenstraße 165 gesetzt wurde, durch Kuchenverkauf.

Und schließlich die Heldentat von Neira Alic. "Ich habe in diesem Moment spontan reagiert", sagt die 18-Jährige. Das Nachdenken darüber sei erst später gekommen. Geärgert hat sie sich über manche Kommentare anderer Fahrgäste. Erst nichts tun, aber danach alles besser wissen.

Nur wer wirklich etwas macht, ist Kandidat für die Bezirksmedaille oder den Jugendengagementpreis. Sofern der Einsatz überhaupt bekannt ist. Auch dafür ist Neira Alic ein gutes Beispiel. Sie wurde für die Auszeichnung von der Mutter des geretteten Jungen vorgeschlagen. Die hatte von den Einsatzkräften, die nach dem verhinderten Unglück vor Ort waren, ihren Namen und ihre Schule erfahren. tf
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