Ein Stadtviertel, eine Familiengeschichte und ein Roman
Die Vergangenheit des Freudenberg-Areals

Siegfried Hirschmann, aufgenommen um das Jahr 1930.
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  • Siegfried Hirschmann, aufgenommen um das Jahr 1930.
  • Foto: Tomas S. Hirschmann
  • hochgeladen von Thomas Frey

Auf dem Freudenberg-Areal zwischen Boxhagener und Weserstraße ist das Quartier „Box Seven“ entstanden. Am 7. September wird der zentrale Platz des neuen Stadtviertels eingeweiht. Er heißt „Siegfried-Hirschmann-Park“.

Seit einigen Monaten feiert ein vor fast 70 Jahren erschienenes Buch eine Wiederentdeckung. Es heißt "Effingers" und stammt von der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischen Bankiers- und Unternehmerfamilie in Berlin zwischen 1878 und 1942. Der Roman und seine Autorin, der Name Siegfried Hirschmann und das, was auf dem Freudenberg-Areal inzwischen entstanden ist, all das gehört zur Geschichte dieses Grundstücks.

Industriefläche: Das Stadtviertel "Box Seven" besteht aus 613 Wohnungen. Das Immobilienunternehmen Bauwert kaufte das Areal 2011 von der Firma Freudenberg. Die erwarb es 1992 von der Treuhand und zog 20 Jahre später nach Adlershof. Zu DDR-Zeiten wurden dort verschiedene Produkte vom Handschuh bis zur Dichtung hergestellt. Ursprung dafür waren die nach 1945 enteigneten und zum "Volkseigenen Betrieb" (VEB) erklärten "Deutschen Kabelwerke". Die Deutschen Kabelwerke waren während des Zweiten Weltkriegs ein Rüstungsbetrieb. Gegründet wurden sie im Jahr 1895. Von Siegfried Hirschmann.

Die Hirschmann-Familie: Siegfried Hirschmann, 1863 geboren, hatte 1890 eine Firma eröffnet, die Gummi und isolierte Kupferleiter herstellte. Mit dem Umzug auf die Grundstücke Boxhagen 7 und 8 produzierte er auch Reifen und schließlich Autos, speziell das Dreirad "Cyclonette". Das Unternehmen, später Aktiengesellschaft, expandiert in den folgenden Jahrzehnten.

Nach der Machtübernahme der Nazis wurde Siegfried Hirschmann einige Monate verhaftet, er und weitere Angehörige wurden gezwungen, ihren Besitz weit unter Wert zu verkaufen. Das wurde auch gerichtlich bestätigt. Allerdings erst 2007.

Im August 1939 und damit im allerletzten Moment vor Kriegsbeginn verließen Siegfried Hirschmann und seine Frau Frieda Deutschland. Ihr Ziel: Guatemala. In dem mittelamerikanischen Land lebten seit 1936 Sohn Ernst und Schwiegertochter Lisa. Dort starb der Gründer der Deutschen Kabelwerke am 8. März 1942. Andere Familienmitglieder, unter anderem seine Schwestern, wurden in den Vernichtungslagern ermordet.

Die Tochter: Auf dem Weg ins Exil machten die Hirschmanns Station in London. Ein Jahr zuvor war ihre Tochter in der britischen Hauptstadt angekommen. Sie wurde am 4. März 1894 als Elise Hirschmann in Berlin geboren. Nach der Heirat hieß sie Elise Reifenberg. Als Journalistin schrieb sie vor allem unter ihrem Künstlernamen Gabriele Tergit.

Gabriele Tergit wurde in den 1920er-Jahren als Gerichtsreporterin für das "Berliner Tageblatt" zu einem Begriff. Darüber hinaus landete sie 1931 mit dem Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" einen Bestseller. Er beschreibt Aufstieg und Fall eines Neuköllner Volkssängers, der dank Reklame, Medienhype und Geschäftsmachern zum "Star" gemacht wird, aber schnell wieder von der Bildfläche verschwindet.

Für die Nazis war die Jüdin und demokratische Journalistin ein mehrfaches Feindbild. Kurz nach der sogenannten Machtergreifung versuchte ein SA-Trupp in ihre Wohnung in Tiergarten einzudringen. Der Einbruch misslang, Gabriele Tergit emigrierte. Über Prag und Palästina, wo ihr Mann einen Auftrag als Architekt bekommen hatte, landete sie 1938 nach London. Dort wohnt sie bis zu ihrem Tod 1982.

Der Roman: 1931 begann Gabriele Tergit mit der Arbeit an ihrer Familiensaga "Effingers". Es dauerte fast 20 Jahre, bis das Werk vollendet war. Es wuchs an den verschiedenen Orten ihres Exils, nahm die aktuellen Geschehnisse in Deutschland auf, bis hin zu Flucht und Tod vieler Protagonisten. Die Handlung endete drei Jahre vor Kriegsende. Ein kurzer Epilog spielte 1948.

"Effingers" ist natürlich eine fiktive Geschichte. Aber vieles aus der Herkunft und dem Leben der Autorin floss darin ein. In Paul Effinger, Tüftler und Unternehmer, finden sich Züge von Siegfried Hirschmann. Effinger beginnt mit der Produktion von Schrauben und fabriziert später ein "Volksauto". Seine Firma ist zwar in Niederschönhausen angesiedelt, erinnert aber ansonsten an die "Deutschen Kabelwerke".

Pauls Tochter Lotte scheint in vielem eine Wesensverwandte von Gabriele Tergit zu sein. Im Unterschied zu ihrer Schöpferin macht Lotte allerdings als Schauspielerin Karriere. Sie ist eine der ersten wirklich emanzipierte Frau in diesem Familienverband. Und wird ebenfalls überstürzt zur Emigration gezwungen.

Das Buch erzählt Berliner und Deutsche Geschichte vom beginnenden Kaiserreich bis zum Tiefpunkt im Zweiten Weltkrieg. Charaktere aller Facetten tauchen auf. Werden manche Debatten und Probleme beschrieben, klingt das, als wären das aktuell verfasste Zeilen. Etwa wenn es um den technischen Fortschritt geht. Antisemitische Parolen werden registriert, aber lange nicht für wichtig genommen. Erst 1933 wird sich das ändern. Ebenso wie die Hirschmanns werden die Effingers erpresst, beraubt, entrechtet, außer Landes getrieben, ermordet.

Das Buch erschien 1951 und fand wenig Anklang. 2019 brachte es der Schöffling Verlag in einer Neuauflage heraus. Sie wurde zum Ereignis, auch durch zahlreiche begeisterte Rezensionen.

Der Enkel: Tomas S. Hirschmann wurde 1938 in Guatemala geboren. Er ist der Sohn von Ernst und Lisa Hirschmann, der Enkel von Siegfried Hirschmann und der Neffe von Gabriele Tergit. Lange Zeit hatte er wenig Bezug zu seinen Berliner Wurzeln. Das änderte sich nach der Wende 1989. Ein Jahr später kam er mit Lisa Hirschmann zu Besuch. Als sie über die Boxhagener Straße liefen und das Grundstück sahen, habe seine Mutter "plötzlich ihre Fingernägel in meinem Arm vergraben". Die Gebäude seien verfallen gewesen. "Aber für sie waren sie ein Blick in ihre Vergangenheit, selbst nach einem halben Jahrhundert problemlos wiederzuerkennen."

Die Hirschmanns beantragten eine Rückübertragung des Betriebs- und Grundvermögens der Deutschen Kabelwerke. Das wurde abgelehnt. Für den Verlust ihrer Aktienanteile bekamen sie eine Entschädigung zugesprochen. Die setzte das Bundesverwaltungsgericht 2007 auf 730 000 Euro fest. Für die Familie schien die Berliner Vergangenheit damit endgültig abgeschlossen zu sein.

Der Kreis schließt sich: Acht Jahre später erhielt Tomas S. Hirschmann eine Mail von Sven Heinemann. Der Friedrichshainer SPD-Abgeordnete recherchiert damals für sein Buch "Boxhagen beginnt", das 2016 erschien. Das ehemalige Areal der Deutschen Kabelwerke spielt dabei eine wichtige Rolle. Mit Hilfe des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums war er auf den Nachkommen gestoßen. Der nahm den Kontakt auf und steuerte für das Buch unter anderem bisher unbekannte Fotos bei. Im Gegenzug beschloss die Bauwert den zentralen Platz im neuen Stadtviertel nach Siegfried Hirschmann zu benennen. Bereits seit 17. Dezember 2018 erinnert eine Gedenktafel an ihn. Als sie enthüllt wurde, war auch Tomas S. Hirschmann mit dabei. Mit dem Namen seines Großvaters werde eine Geschichte, die vor mehr als 120 Jahren in Boxhagen begann und von den Nazis fast ausgelöscht worden wäre, in der Stadt verewigt, erklärte er. Das gilt auch für Gabriele Tergit. Nach ihr heißt eine Promenade, die vom Potsdamer Platz zum Schöneberger Ufer führt.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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