"Roof Water-Farm" verbindet Abwasser und Landwirtschaft

Dr. Anja Steglich vor dem Gewächshaus an der Bernburger Straße. (Foto: Schilp)

Kreuzberg. Auf dem Dach eine Fischzucht, daneben wachsen Salat und Erdbeeren. Mit dem Wasser, das die Pflanzen zum Gedeihen brauchen, haben Hausbewohner zuvor geduscht oder abgewaschen. Spinnerei? Im Haus an der Bernburger Straße 22 ist das Ganze (fast) schon Wirklichkeit.

Hier läuft das Modellprojekt "Roof Water-Farm" der Technischen Universität (TU) Berlin und sechs Kooperationspartnern. Kurz gesagt geht es darum, hauseigene Abwasseraufbereitung mit Lebensmittelproduktion in Gewächshäusern zu verbinden. "Und in Berlin gibt es viel Flächenpotenzial auf den Dächern", sagt Dr. Anja Steglich, eine der Projektleiterinnen der TU.

Auf dem großen grünen Hof an der Bernburger Straße 22 wird ausprobiert, ob und wie es funktioniert. In einem Holzhaus reihen sich ein Dutzend Tanks. Dort landet das "Grauwasser" der 230 Bewohner, das ist das gesamte Abwasser außer dem Toilettenspülwasser, dem "Schwarzwasser". Erst werden Fremdkörper herausgesiebt, dann kommen Bakterien zum Einsatz. "Ob Tenside oder Milch - alles, was biologisch abbaubar ist, bauen sie ab", erklärt Diplom-Ingenieur Erwin Nolde.

Einen Teil des aufbereiteten Wassers nutzen die Bewohner noch einmal für die Toilettenspülung. Der andere Teil speist das benachbarte Gewächshaus und ist gleichzeitig der Lebensraum von Schleien, Karpfenfischen. Die Tiere sorgen ganz nebenbei für natürlichen Pflanzendünger. Die ersten Erdbeeren wurden kürzlich geerntet. "Wir haben sie auf Schadstoffe untersucht, sie waren hygienisch einwandfrei", so Anja Steglich. Jetzt hat man Auberginen und Paprika angebaut.

Die Wissenschaftlerin hat errechnet: Ein 400- Quadratmeter-Gewächshaus auf dem Flachdach eines großen Berliner Wohnhauses, betrieben mit aufbereiteten Abwasser, könnte 80 Prozent des Bewohnerbedarfs an Gemüse und Fisch decken - eine echt regionale Landwirtschaft. Der nächste Schritt wäre, das Schwarzwasser zu Flüssigdünger zu verarbeiten. Das Fraunhofer-Institut, einer der Kooperationspartner, arbeitet daran.

Technische Voraussetzung für das Projekt: Es muss getrennte Leitungen für Grau- und Schwarzwasser geben. Das ist an der Bernburger Straße 22 der Fall. Das Gebäude wurde in den 80er Jahren im Rahmen der "Internationalen Bauausstellung" errichtet, die viele ökologische Ideen aus der (Hausbesetzer-)Szene aufnahm.

Anja Steglich und ihre Kollegen beschäftigen sich auch mit der ganz konkreten Umsetzung: Wie muss die Statik eines Hauses sein, damit es ein Gewächshaus trägt? Welche Betreibermodelle sind möglich? Brauchen ein Hotel und ein Mietshaus unterschiedliche Pflanzen? Klar für sie ist: "Abwasser ist eine Ressource. Früher wollte man es aus der Stadt rausleiten, heute wollen wir es nutzen."

Das Modellprojekt läuft drei Jahre lang. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.


Susanne Schilp / susch
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