Bezirk würdigt den Schriftsteller und SED-Kritiker

Der Platz am Fischerbrunnen wurde nach Stefan Heym benannt. (Foto: Wrobel)

Lichtenberg. Der Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001) gehörte zu den Unangepassten in der DDR. Der Kritiker des SED-Regimes ist Namensgeber des Brunnenplatzes an der Frankfurter Allee, Ecke Möllendorffstraße unweit vom Rathaus Lichtenberg.

"Es ist ein schöner Platz mitten in Berlin. Für mich ist es ein Wunder. Stefan hätte es für einen Scherz gehalten und gesagt: Meine Bücher sollen sie lesen", sagte die Witwe Inge Heym anlässlich der feierlichen Benennung. Und tatsächlich: Unter den Menschen, die an diesem 4. November am Fischerbrunnen an der Frankfurter Allee, Ecke Möllendorffstraße stehen, ist auch eine Frau, die das Buch "Auf Sand gebaut" aus dem Jahr 1990 andächtig in der Hand hält.

Das Datum für die Benennung wählte der Bezirk nicht zufällig. Am 4. November 1989 nutzte der Schriftsteller Stefan Heym auf dem Alexanderplatz das Podium und sprach zu den Menschen: "In der Zeit, die hoffentlich jetzt zu Ende ist, wie oft kamen da die Menschen zu mir mit ihren Klagen. Dem war Unrecht geschehen, und der war unterdrückt und geschurigelt worden. Und allesamt waren sie frustriert. Und ich sagte: So tut doch etwas! Und sie sagten resigniert: Wir können doch nichts tun. Und das ging so in dieser Republik, bis es nicht mehr ging."

Bürgermeister Andreas Geisel (SPD) berichtete, er sei dem Schriftsteller auf dieser Demonstration begegnet. "Heym stand dafür, wie die DDR hätte sein können. Doch der Sozialismus hatte sich da schon moralisch diskreditiert", sagt er. Stefan Heym, dessen Bücher in der DDR zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahren nicht mehr gedruckt und doch gelesen wurden, blieb 1989 bei seiner Meinung zum Sozialismus, "diesmal ohne die Meinung der Mehrheit hinter sich zu haben", hob Geisel in seiner Rede hervor. Der Bezirk will deshalb mit der Platzbenennung auch den "Respekt vor dem Widerspruchsgeist, der sich nicht beugen wollte", ausdrücken. Gleichzeitig sei damit der Aufruf verbunden, "den aufrechten Gang zu wagen", schloss Geisel.

Schon mit dem Buch "5 Tage im Juni" setzte Stefan Heym, der unter dem Namen Helmut Flieg in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren wurde und vor den Nationalsozialisten fliehen musste, den Arbeiterunruhen vom 17. Juni 1953 ein Denkmal. "Der kritische Sozialist gerät immer wieder in Konflikt mit der Wirklichkeit in der DDR", fasste auch Jürgen Hofmann, Historiker und Bezirksverordneter der Fraktion Die Linke, zusammen. Heym protestierte gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, der Schriftstellerverband schloss ihn aus. Nach dem gesellschaftlichen Umbruch und der Wiedervereinigung zog er für die PDS in den Bundestag - da war er mittlerweile 88 Jahre alt.

Die Vertreter der CDU/CSU verweigerten dem Alterspräsidenten des 13. Deutschen Bundestags, der bei seiner Eröffnungsrede Probleme der damaligen Politik ansprach, den Applaus. Für Historiker Hofmann ein "beschämender Moment der jüngeren Parlamentsgeschichte". Stefan Heym sei eine "Jahrhundertgestalt", hob Hofmann in seiner Rede hervor.

2001 starb der Schriftsteller, der noch in den 1990er-Jahren zahlreiche Bücher veröffentlichte. Auch daran erinnerte Inge Heym.


Karolina Wrobel / KW
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